Dieser Beitrag „Die Apokalypse des Daniel“ erscheint in der Reihe „An-ge-dacht“, in der ich hin und wieder Gedanken zu einer Perikope des jeweiligen Sonntags schreibe. Weitere Informationen darüber und eine Übersicht aller bisher erschienenen Beiträge findest Du hier: An-ge-dacht.

Lesung IV Christi Himmelfahrt

Daniel 7,1–3(4–8)9–14

1 Im ersten Jahr Belsazars, des Königs von Babel, hatte Daniel einen Traum und Gesichte auf seinem Bett; und er schrieb den Traum auf:
2 Ich, Daniel, sah ein Gesicht in der Nacht, und siehe, die vier Winde unter dem Himmel wühlten das große Meer auf.
3 Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders als das andere.

4 Das erste war wie ein Löwe und hatte Flügel wie ein Adler. Ich sah, wie ihm die Flügel ausgerissen wurden. Und es wurde von der Erde aufgehoben und auf die Füße gestellt wie ein Mensch, und es wurde ihm ein menschliches Herz gegeben.
5 Und siehe, ein anderes Tier, das zweite, war gleich einem Bären und war auf der einen Seite aufgerichtet und hatte in seinem Maul zwischen seinen Zähnen drei Rippen. Und man sprach zu ihm: Steh auf und friss viel Fleisch!
6 Danach sah ich, und siehe, ein anderes Tier, gleich einem Panther, das hatte vier Flügel wie ein Vogel auf seinem Rücken und das Tier hatte vier Köpfe, und ihm wurde Herrschergewalt gegeben.
7 Danach sah ich in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, ein viertes Tier war furchtbar und schrecklich und sehr stark und hatte große eiserne Zähne, fraß um sich und zermalmte, und was übrig blieb, zertrat es mit seinen Füßen. Es war auch ganz anders als die vorigen Tiere und hatte zehn Hörner.
8 Als ich aber auf die Hörner achtgab, siehe, da brach ein anderes kleines Horn zwischen ihnen hervor, vor dem drei der vorigen Hörner ausgerissen wurden. Und siehe, das Horn hatte Augen wie Menschenaugen und ein Maul; das redete große Dinge.

9 Da sah ich: Throne wurden aufgestellt, und einer, der uralt war, setzte sich. Sein Kleid war weiß wie Schnee und das Haar auf seinem Haupt wie reine Wolle; Feuerflammen waren sein Thron und dessen Räder loderndes Feuer.
10 Da ergoss sich ein langer feuriger Strom und brach vor ihm hervor. Tausendmal Tausende dienten ihm, und zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht wurde gehalten und die Bücher wurden aufgetan.
11 Ich sah auf um der großen Reden willen, die das Horn redete, und ich sah, wie das Tier getötet wurde und sein Leib umkam und in die Feuerflammen geworfen wurde.
12 Und mit der Macht der andern Tiere war es auch aus; denn es war ihnen Zeit und Stunde bestimmt, wie lang ein jedes leben sollte.
13 Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht.
14 Ihm wurde gegeben Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.

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Die Apokalypse des Daniel, Christi Himmelfahrt, Lesung IV, Daniel 7,1–3(4–8)9–14

Daniel in der Löwengrube

Das Buch Daniel ist schon etwas Besonderes – ich würde sogar sagen: Es ist etwas seltsam. Da sind auf der einen Seite die Erzählungen über Daniel und seine Freunde. Diese sind spannend und werden auch heute noch in Kindergottesdiensten gerne erzählt. Die Geschichte von Daniel in der Löwengrube ist sehr bekannt. Sie erzählt, wie Daniel unschuldig durch Intrigen seiner Gegner verurteilt wird und den Löwen zum Fraß vorgeworfen wird. Gott aber schickt einen Engel und rettet ihn. Mag sein, dass man sich darüber streiten kann, ob diese Geschichte mit ihrer Brutalität für Kinder wirklich geeignet ist, aber immerhin hat sie einen gutem Ausgang, Wer sich auf Gott verlässt, dem steht er auch bei.

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Daniel als Prophet

Auf der anderen Seite sind allerdings große Teile des Danielbuches sehr geheimnisvoll. Sie werden Apokalypse des Daniel genannt. Der heutige Perikopentext ist ein Beispiel dafür. Daniel gehört zu den prophetischen Büchern in der Bibel. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied: Die Propheten erhalten Gottes Wort und geben es weiter. Daniel schreibt dagegen seine Träume nieder. Oft sind es fast Albträume. In diesem Text sind es zum Beispiel vier furchteregende Tiere.

Vermutlich konnten die Menschen, die damals das Buch – die Apokalypse des Daniel – lasen, die symbolischen Bedeutungen verstehen. Für uns heute ist das sehr schwierig. Inzwischen sind sich die meisten Ausleger einig darüber, dass es bei den Tieren um vier Reiche der damaligen Zeit handelt: Das babylonische Reich, das Reich der Meder, dann die Perser und schließlich als viertes das Reich Alexander des Großen. Die Gründe für diese Interpretation lasse ich hier einmal beiseite.

Der Uralte

Der Abschnitt mit den vier Tieren/Reichen ist in der Perikope kursiv dargestellt. Bei einer Predigt kann dieser Teil also weggelassen werden. Der Text ist für Christi Himmelfahrt vorgesehen. Unter diesem Aspekt sind die vier Reiche nicht wichtig. Hier kommt es vor allem auf den Schlussteil an.
Daniel sieht einen Uralten auf einem Thron. Damit ist eindeutig Gott gemeint. Das er als uralt bezeichnet wird, ist ein Synonym für sein ewiges Sein. Allerdings wird das hier noch nicht abstrakt gesehen, sondern konkret dargestellt, als sehr, sehr alt – eben uralt.

Um ihn wird ein Gericht aufgebaut, vor dem die vier Tiere erscheinen müssen und über die auf Grund ihrer Taten und Untaten geurteilt wird. Diese Taten sind in Büchern festgehalten. Das Urteil wird sofort vollstreckt. Das letzte Tier wird in Feuerflammen geworfen und über die anderen drei wird gesagt: „Mit ihrer Macht war es aus“.

Der Herr der Geschichte

Es geht in diesem Traum des Daniel offenbar weniger um eine Vorausschau der Zukunft, sondern um eine Erklärung der Welt. Vermutlich wurde die Apokalypse des Daniel geschrieben, als diese Reiche, für die die Tiere stehen, bereits Geschichte waren. Daniel will mit diesem Text vor allem sagen: Der eigentliche Herr der Geschichte ist Gott! Das ist der Schlüsselpunkt dieses Traumes. Vor Gott müssen sich sogar die mächtigsten Herrscher der Welt verantworten und er setzt ihrer Macht eine Grenze.

Damit kommen wir zu der Aussage, die für die damaligen Leser in ihrem persönlichen Leben entscheidend war. Sie hatten immer wieder erlebt, wie ihr Land Israel zum Spielball der Weltreiche und der Mächtigen geworden ist. Sie hatten unter diesen weltbewegenden Ereignissen und Kriegen zu leiden. Ihre Kultur und Religion war gefährdet und wurde durch die griechisch-hellenistische Kultur bedroht. In dieser Situation taucht dann in Daniels Traum der „Menschensohn“ aus den Wolken auf.

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Der Menschensohn

Diese Gestalt ist ganz bewusst im Gegensatz zu den Tieren ein Mensch und er kommt aus den Wolken – ein Symbol für den Machtbereich Gottes. Er kommt von Gott. Aus anderen biblischen Stellen lässt sich schließen, dass mit diesem „Menschensohn“ das ganze Volk Israel gemeint war. Damit wird für die Menschen in Israel damals eine großer Raum der Hoffnung eröffnet: Gott hat das letzte Wort und ihr, sein Volk, bleibt in seiner Hand und werdet über alle Weltmächte siegen.

Diese Gestalt des „Menschensohnes“ konnte später aber auch als Einzelperson interpretiert werden: Der Messias, der Israel in die Freiheit führen wird. So hat sich auch Jesus selbst mit dem „Menschensohn“ identifiziert. Er bezeichnet sich selbst mit diesem Titel und er zitiert die Apokalypse des Daniel sogar einmal direkt: „Ich bin’s; und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels“ (Markus 14,62). Damit sind wir auch mitten in unserem Feiertag Christi Himmelfahrt angekommen.

Himmelfahrt bezieht sich nicht nur auf das „Entschwinden“ Jesu in den Himmel nach der Auferstehung. Es beinhaltet vor allem den Gedanken, dass Jesus als Sohn Gottes beim Vater ist und mit ihm die Herrschaft über die Welt und die Mächte in der Welt ausübt. Der „Menschensohn“ wird wieder erscheinen und dann vor aller Augen klar machen, dass Gott alles in seiner Hand hat. Er richtet die Mächtigen, so dass es mit ihrer Macht aus ist, und er hält jeden einzelnen Menschen in seiner Hand bis in Ewigkeit.

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe

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