​Der Volkstrauertag

Der Volkstrauertag ist kein kirchlicher Feiertag. Er gehört nicht zum Kirchenjahr. Trotzdem scheint es für viele so zu sein, dass der Volkstrauertag etwas mit Kirche zu tun hat. Warum ist das so? Und warum nehmen so wenige Menschen Notiz von diesem Anlass?

Kann diese Verwirrung und Nicht-Beachtung daran liegen, dass wir heute tatsächlich nicht wissen, was wir mit dem Volkstrauertag anfangen sollen? Schauen wir uns doch mal ganz kurz die Geschichte dieses Tages an.

Geschichte des Volkstrauertags

Nach dem ersten Weltkrieg schlug der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge einen Gedenktag für die gefallenen Soldaten vor. 1922 fand die erste zentrale Gedenkfeier im Reichstag statt. In der Weimarer Republik wurde der Volkstrauertag nie gesetzlicher Feiertag, aber er wurde regelmäßig an vielen Orten gefeiert.

Erst im “Dritten Reich” wurde wurde der Volkstrauertag als gesetzlicher Feiertag eingeführt. Allerdings veränderte sich der Sinn; aus dem Gedenken an die Gefallenen wurde die Verehrung der Helden. Deshalb wurde der Tag als Heldengedenktag bezeichnet.

Daher kommt es, dass heute die Neue Rechte versucht, den Volkstrauertag wieder mit ihren Themen zu besetzen. Es scheint fast, als würden diese ewig Gestrigen ihn zu einem Feiertag für den Nationalismus (manche gar für den Nationalsozialismus) machen zu wollen.

Nach dem zweiten Weltkrieg führte die DDR einen „Internationalen Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus und imperialistischen Krieg“ ein. In der Bundesrepublik wurde seit 1950 wieder der Volkstrauertag begangen.

Seit 1952 liegt der Volkstrauertag auf dem vorletzten Sonntag des Kirchenjahres. Im Kirchenjahr sind die letzten Sonn- und Feiertage der Erinnerung an die Verstorbenen und der Frage nach Leid, Tod und ewigem Leben gewidmet. Daran knüpfte der Staat mit dem Termin an. Das ist sicher nicht unwesentlich dafür, dass der Volkstrauertag fast als kirchlicher Feiertag gilt.

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​Vielfältige Themen am Volkstrauertag

Wofür steht dieser Tag eigentlich inhaltlich? Aus der Geschichte bis nach dem zweiten Weltkrieg ergeben sich schon mehrere Schwerpunkte:

  • Gedenken an die Gefallenen
  • Heldenverehrung
  • Kampf gegen den Faschismus

Inhaltlich wird der Tag in den 50er Jahren wieder dem Gedenken der gefallenen Soldaten gewidmet. Mehr und mehr rückten aber auch zivile Opfer des Krieges und vor allem die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft in den Blick. Erinnerung an die Schoah und die Mahnung “Nie wieder!” waren wichtige Bestandteile der Feier.

Mit zunehmenden zeitlichen Abstand zum zweiten Weltkrieg, kamen weitere Themen dazu. Der Kalte Krieg, der Streit um die Abschreckungspolitik und die Friedensbewegung brachten das Nachdenken über den Frieden in den Volkstrauertag hinein.

Auch das Gedenken veränderte sich. Mehr und mehr kam zu Bewusstsein, dass Krieg und Gewaltherrschaft in der ganzen Welt Leid verursachen. So wird inzwischen nicht nur der deutschen Soldaten und Opfer, sondern aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in aller Welt gedacht.

Als die Bundeswehr zunehmend aktiv in Auslandseinsätze zog und wieder deutsche Soldaten in Kampfeinsätzen ums Leben kamen, wurde vielfach auch das Gedenken an diese Gefallenen Inhalt des Feiertages. Ich war viele Jahre Gemeindepfarrer an einem Bundeswehrstandort. Hier habe ich erlebt, wie sehr das die Menschen bewegt. Auch hier wurde deutlich, wie wichtig die kirchliche Begleitung des Volkstrauertages für die Soldaten der Bundeswehr war.

Die Mahnung des Volkstrauertags

Ging es ursprünglich vor allem um die Erinnerung – an gefallene Soldaten, an Opfer des Krieges, an die Opfer der Schoah, kam in den Feiern nach dem zweiten Weltkrieg immer auch die Mahnung dazu. Viele Reden beschäftigten sich mit der Frage, wie Krieg und Gewaltherrschaft verhindert werden können.

Heute ist es deshalb sehr wichtig, sich gerade am Volkstrauertag Gedanken darüber zu machen, was die eben genannten Inhalte aktuell bedeuten. Dass Heldenverehrung sich für uns ein für alle Mal verbietet, dürfte noch weithin klar sein. Die Auseinandersetzung mit rechten Tendenzen in der Gesellschaft ist deshalb zentral. Am Umgang mit Antisemitismus, Ausländerhass und Flüchtlingen entscheidet sich, ob wir etwas aus der Geschichte gelernt haben.

Der Volkstrauertag kann so auch für die Gegenwart und die Zukunft wichtige Impulse geben. Die Frage ist aber, ob die Feiern an diesem Tag die Kraft finden, einen größeren Teil der Bevölkerung, besonders auch junge Menschen, anzusprechen.

Volkstrauertag und Kirchenjahr?

Der Volkstrauertag wird an einem Sonntag begangen, den wir in der evangelischen Kirche “Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr” nennen. Schaut man sich die Texte und Lieder an, die für diesen Sonntag vorgesehen sind, dann geht es um das Thema: “Gott ist ein gerechter Richter“.

Auf den ersten Blick ist das sowieso schon ein schwieriges Thema. Selbst gläubige Menschen fragen sich dabei, wie das zu einem Gott der Liebe passt. Auf der Website kirchenjahr-evangelisch heißt es:

“Wer gerichtet wird, wird neu ausgerichtet auf den Weg der Barmherzigkeit und der Liebe. Das kann schmerzhaft sein. Aber es ist kein gnadenloser Richter … Gott richtet nicht nach menschlichen Maßstäben – er ist barmherzig.”

Der Gedanke, dass wir alle uns für unser Tun rechtfertigen müssen – vor anderen oder vor Gott -, richtet am Volkstrauertag den Blick auf die Verantwortung als Einzelne und als ganzes Volk, als Gesellschaft für die Geschichte und die Ausrichtung auf eine friedliche und gerechte Zukunft.

Schauen wir einen Sonntag weiter, dann finden wir im Kirchenjahr den Totensonntag. An diesem Tag wird in der evangelischen Kirche der Verstorbenen gedacht. Die Kirchenjahreszeit gibt also schon Themen vor, die mit dem Volkstrauertag zusammenpassen.

Bedenken wir dann noch, dass Jesus zur Feindesliebe aufruft, im Alten Testament das Wort “Schwerter zu Pflugscharen” zu finden ist und der christliche Glaube allgemein zu einem liebevollen und barmherzigen Umgang mit den Mitmeschen anhält, dann ist zumindest die heutige Ausrichtung des Volkstrauertages damit vereinbar. Viele Kirchengemeinden feiern am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres deshalb auch Friedensgottesdienste und beteiligen sich auch an den kommunalen Feiern zum Volkstrauertag.

Trotzdem gibt es auch kritische Punkte. Grundsätzlich gibt es in Deutschland eine Trennung von Staat und Kirche. Wenn das Gedenken also – wie bei eher rechts eingestellten Menschen – in Richtung Nationalismus und Heldenverehrung abtriftet, dann muss Kirche klar dagegen Stellung beziehen.

Andererseits gibt es aber auch Bezüge zwischen Kirche und Staat, die am Volkstrauertag besonders bedeutsam sind. Dazu gehört vor allem die Militärseelsorge. Wie kritisch man ihr auch gegenübersteht, zumindest muss klar sein, dass Kirche auch für Menschen da sein muss, die Soldaten sind.

Ich habe mich als Pfarrer immer auch an den kommunalen Gedenkfeiern auf dem Friedhof beteiligt; nicht, weil es ein kirchlicher Feiertag wäre, sondern weil ich die Themen, für die Kirche meiner Meinung nach steht, auch öffentlich vertreten wollte. Dazu gehört ganz zentral: An der Seite der Menschen zu sein, klar Stellung zu beziehen und die Hoffnung auf eine friedvolle und gerechte Zukunft weiterzugeben.

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​Links

Auf Wikipedia findest Du noch weitere Infos zum Volkstrauertag und auch zu vergleichbaren Gedenktagen in anderen Ländern: https://de.wikipedia.org/wiki/Volkstrauertag

Texte und Informationen zum “Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres” findest Du auf meinem Blog (Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres) und auf kirchenjahr-evangelisch.de https://www.kirchenjahr-evangelisch.de/article.php#922

Hier noch die Themenseite des Magazins evangelisch.de zum Volkstrauertag:
https://www.evangelisch.de/themen/volkstrauertag

Wie wäre es damit, in diesem Jahr einmal eine Volkstrauertagsfeier in Deinem Heimatort (oder in der Umgebung) zu besuchen?

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe