Dieser Beitrag „Braucht Gott Opfer?“ erscheint in der Reihe „An-ge-dacht“, in der ich täglich Gedanken zu einer Perikope des jeweiligen Sonntags schreibe. Weitere Informationen darüber und eine Übersicht aller bisher erschienenen Beiträge findest Du hier: An-ge-dacht.

Lesung VII, Judika

Hebräer 10, 11-14.(15-17).18

11 Und jeder Priester steht Tag für Tag da und versieht seinen Dienst und bringt oftmals die gleichen Opfer dar, die doch niemals die Sünden wegnehmen können.
12 Dieser aber hat ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht, das ewiglich gilt, und hat sich zur Rechten Gottes gesetzt
13 und wartet hinfort, bis seine Feinde zum Schemel unter seine Füße gelegt werden.
14 Denn mit einem einzigen Opfer hat er für immer die vollendet, die geheiligt werden.
15 Das bezeugt uns aber auch der Heilige Geist. Denn nachdem er gesagt hat (Jeremia 31,33-34):
16 »Das ist der Bund, den ich mit ihnen schließen will nach diesen Tagen«, spricht der Herr: »Ich will meine Gesetze in ihr Herz geben, und in ihren Sinn will ich sie schreiben,
17 und ihrer Sünden und ihrer Missetaten will ich nicht mehr gedenken.«

18 Wo aber Vergebung der Sünden ist, da geschieht kein Opfer mehr für die Sünde.

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Braucht Gott Opfer?, Judika, Lesung VII, Hebräer 10, 11-14.(15-17).18

In dieser Lesung (Marginalie) zum Sonntag Judika wird an den Text der Lesung II und der Lesung V angeknüpft. Die Vorstellung von Jesus als dem Hohepriester, der sich selbst opfert wird vorausgesetzt. Hier geht es ausdrücklich um Opfer. Was können wir heute noch mit diesen Gedanken anfangen? Ich kann nachvollziehen, dass vor fast 2000 Jahren, Tempel der verschiedensten Religionen mit ihren Göttern überall gegenwärtig waren. In diesen Tempeln wurden unzählige Opfer gebracht: Tieropfer, Speisopfer, Brandopfer. https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/52048/

Auch in Israel war das im Tempel in Jerusalem üblich, bis zu seiner Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. In unserem Text wird nun Jesu Tod am Kreuz als das endgültige Opfer interpretiert. Damit sind alle anderen Opfer in den Tempeln überflüssig. Das war in der Tat ein steiler Gedanke für die neue Religion des Christentums, bzw. der Neuinterpretation des jüdischen Glaubens.

Damit lehnten sich die Christen weit aus dem Fenster. Es war ein ungeheuerlicher Gedanke. Heute dagegen scheint uns das irgendwie selbstverständlich. Wenn wir heute davon sprechen, dass Gott ein Opfer gebraucht hat um milde gestimmt zu werden, dann kommt uns das sehr fremd vor – zumindest den meisten Menschen.

In der theologischen Diskussion heute spielt das Opfer Jesu aber immer noch eine große Rolle. Obwohl dieser Gedanke nur in den Briefen an die Epheser und Hebräer überhaupt erwähnt wird, hat er sich weit verbreitet im Christentum; vor allem in konservativen, frommen Kreisen. Ich muss zugeben, dass mir dieses Opferdenken auch unangenehm ist.

Was ist das für ein Gott, der ein Opfer braucht um gnädig zu sein? So etwas Unmenschliches; so etwas Ungöttliches. Trotzdem gibt es zumindest einen Gedanken, dem ich etwas nachgehen möchte, der mir einleuchtet – wenigsten so ein wenig.

Im letzten Vers des Lesungstextes heißt es: „Wo aber Vergebung der Sünden ist, da geschieht kein Opfer mehr für die Sünde.“ Ich weiß, dass auch das Wort Sünde heute nicht mehr besonders beliebt ist. Ich möchte trotzdem daran festhalten, weil es etwas ausdrückt, was in unserem Leben und in der Gesellschaft allgegenwärtig ist: Es gibt doch tatsächlich Dinge, die nicht in Ordnung sind. Menschen tun anderen Menschen weh, ja, schaden ihnen, töten einander.

Auch die Art, wie wir unsere Gesellschaft und Wirtschaft organisiert haben, ist immer noch mit vielfacher Schuld behaftet. Wir machen uns schuldig an den Kindern, die für uns in den ärmsten Ländern arbeiten. Wir machen uns schuldig an den Menschen, die mit unseren Waffen in Kriegen getötet, verwundet, verstümmelt werden. Wir machen uns schuldig an Menschen, die für unseren Reichtum arm gehalten werden. Wir machen uns schuldig an den Tieren, die für unseren Genuss gequält werden. Wir machen uns schuldig an unserer Welt, die wir immer weiter zerstören.

Kann man angesichts dessen nicht wirklich von Sünde sprechen? Und ist es nicht sogar wichtig, auch Schuld klar zu benennen? Wenn jemand uns beleidig, betrügt, schädigt, dann suchen wir doch auch Genugtuung, mindestens eine Entschuldigung, vielleicht so gar eine Strafe.

Ich glaube, dass auch Gott nicht einfach so sagt: Schwamm drüber. Ist schon gut. Weitermachen. Aber er will keine Opfer mehr. Er will keinen Kreislauf der Gewalt. So durchbricht er den Kreislauf durch Jesus und seine Botschaft der Liebe. Gott ist bereit zu vergeben. Vergebung ist ein Druchbrechen der Opferlogik und ermöglicht einen neuen Anfang und neues Leben.

So macht das doch Sinn, oder was meinst Du?

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe

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