Dieser Beitrag „Die verhinderte Opferung Isaaks“ erscheint in der Reihe „An-ge-dacht“, in der ich täglich Gedanken zu einer Perikope des jeweiligen Sonntags schreibe. Weitere Informationen darüber und eine Übersicht aller bisher erschienenen Beiträge findest Du hier: An-ge-dacht.

Lesung VI Judika

1. Mose 22, 1–14(15–19)

1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.
2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.
3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.
4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne.

5 Und Abraham sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.
6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.
7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?
8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.

9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz
10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.
11 Da rief ihn der Engel des Herrn vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.
13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich im Gestrüpp mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt.
14 Und Abraham nannte die Stätte »Der Herr sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der Herr sich sehen lässt.

15 Und der Engel des Herrn rief Abraham abermals vom Himmel her
16 und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der Herr: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont,
17 will ich dich segnen und deine Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen;
18 und durch deine Nachkommen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast.
19 So kehrte Abraham zurück zu seinen Knechten. Und sie machten sich auf und zogen miteinander nach Beerscheba und Abraham blieb daselbst.

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Die verhinderte Opferung Isaaks, Judika, Lesung VI, 1. Mose 22, 1–14(15–19)

Die verhinderte Opferung Isaaks ist eine schwierige Geschichte. Wer die Bibel wörtlich nimmt und als von Gott Wort für Wort diktiert, der kommt bei diesem Text in extreme Schwierigkeiten. Was für ein grausamer Gott, der von einem Vater verlangt, sein einziges Kind zu opfern. Was für ein grausamer Vater, der wirklich bereit ist, in blindem Gehorsam gegen diesen Gott, sein Kind zu töten.

Sorry, aber nach Jesus und nach mehreren Jarhtausenden kann ich diese Geschichte nicht mehr als Vorbild für einen starken Glauben ansehen. Ich glaube nicht, dass ich eines meiner Kinder für Gott geopfert hätte. Na, wenn Gott das als Glaubensbeweis fordern würde, dann wäre ich wohl ungläubig.

Warum ist dieser Text eigentlich eine Lesung zum Sonntag Judika in der Passionszeit geworden? Es gibt eine Parallele – und die ist nicht zufällig – zwischen diesem Text von der Opferung Isaaks aus dem ersten Mosebuch und den Evangelien von Jesus. Es heißt hier über Abraham: „Du hast deines einzigen Sohnes nicht verschont.“ Im Neuen Testament wird das gleiche über Gott gesagt. Er hat seinen einzigen Sohn nicht verschont und hat ihn in die Welt geschickt um uns Menschen zu erlösen.

Die Geschichte von Abraham und Isaak liegt uns emotional sicher näher, als eine Geschichte über einen Gott den man nicht sieht und einen Menschen, der behauptet, sein Sohn zu sein. Das kann man glauben oder eben nicht.

Isaak aber ist ein Kind. Das macht die ganze Sache noch empörender. Und wer sich über diese Geschichte nicht mehr aufregt, der muss sich fragen, ob er überhaupt noch die Bibel mit offenen Augen liest. Es ist einfach schrecklich.

Genauso leidet Gott unter dem Schicksal Jesu. Es ist nicht ein Fingerschnippen, mit dem Gott die Sache regelt. Es ist ihm bitterernst damit, nicht in seinem sterilen, ewig frohlockenden Paradies zu weilen, sondern mitten in die Welt seiner Menschen zu kommen. Mit allen Freuden des menschlichen Lebens und mit seinen tiefsten Tiefen will er leben und bei seinen Menschen sein. Deshalb passt die Geschichte von der Opferung Isaak durchaus in die Passionszeit.

Wenn wir nun aber den Text mal historisch lesen; wenn wir also versuchen, ihn in seiner Entstehungszeit zu verstehen, was finden wir dann? Lassen wir mal alle modernen Moralvorstellungen und alle christlichen Interpretationen weg; was gibt es noch über diesen Text zu sagen?

Es gab damals in der Umwelt Israels Religionen in denen Menschenopfer vorkamen. Oft waren es auch Kinderopfer. In der Bibel wird das auch immer mal wieder angedeutet, wenn es zum Beispiel heißt: „Sie ließen ihre Kinder durchs Feuer gehen.“ Damit sind tatsächlich Kinderopfer gemeint. Immer wieder betont Gott im Alten Testament, dass es so etwas in Israel nicht geben soll. Die jüdische Religion hat schon vor Jahrtausenden diese Praxis verboten.

Die Geschichte von der verhinderten Opferung Isaaks bewahrt eine Erinnerung an die Menschenopfer im Altertum. Gott verhindert diese Opfer. Damit ist klar, dass es nicht sein soll. Hier wird also in Form einer Erzählung – nicht in Form eines Gebots – die Opferung von Menschen, besonders von Kindern, verboten.

Natürlich ist das für uns heute selbstverständlich, damals war das ein Riesenfortschritt. Aber Moment… Ist das für uns heute wirklich so selbstverständlich? Klar, es gibt keine Tempel mehr, in denen Kinder geopfert werden, aber wie sieht es aus mit Kinderarbeit in Fabriken, die unsere Kleidung herstellen? Wie sieht es aus mit Kindersoldaten, die in vielen Ländern der Welt gezwungen werden zu töten?

Noch ein Schritt weiter: Wie sieht es aus mit Gewalt gegen Kinder auch in unserem Land? Damit meine ich nicht nur die spektakulären Fälle von Kinderpornographie. Es gibt immer noch ein verbreitetes „Wegschauen“ bei Kindesmissbrauch und Kindeswohlgefährdung. Es gibt immer noch – auch in frommen Kreisen – ein verbreitetes Verständnis von „Erziehung“, in dem ein „Klapps auf den Po“ und eine „Ohrfeige“ legitime Mittel sind.

Sollten wir nicht nach Jahrtausenden weiter sein, als uns über die Geschichte der Opferung Isaaks zu empören, aber weiterhin Kinderrechte mit Füßen zu treten?

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe

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