Dieser Beitrag „Jesus, der Hohepriester“ erscheint in der Reihe „An-ge-dacht“, in der ich täglich Gedanken zu einer Perikope des jeweiligen Sonntags schreibe. Weitere Informationen darüber und eine Übersicht aller bisher erschienenen Beiträge findest Du hier: An-ge-dacht.

Lesung V, Judika

Hebräer 5, (1–6)7–9(10)

1 Denn jeder Hohepriester, der von den Menschen genommen wird, der wird eingesetzt für die Menschen zum Dienst vor Gott, damit er Gaben und Opfer darbringe für die Sünden.
2 Er kann mitfühlen mit denen, die unwissend sind und irren, weil er auch selber Schwachheit an sich trägt.
3 Darum muss er, wie für das Volk, so auch für sich selbst opfern für die Sünden.
4 Und niemand nimmt sich selbst diese Würde, sondern er wird von Gott berufen wie auch Aaron.
5 So hat auch Christus sich nicht selbst die Ehre beigelegt, Hoherpriester zu werden, sondern der, der zu ihm gesagt hat (Psalm 2,7): »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.«
6 Wie er auch an anderer Stelle spricht (Psalm 110,4): »Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.«

7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen vor den gebracht, der ihn aus dem Tod erretten konnte; und er ist erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.
8 So hat er, obwohl er der Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.
9 Und da er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber der ewigen Seligkeit geworden,
10 von Gott genannt ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks.

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Jesus, der Hohepriester, Judika, Lesung V, Hebräer 5, (1–6)7–9(10)

Der Hebräerbrief entfaltet eine Theologie von Jesus als der Hohepriester. Das ist für uns heute 2000 Jahre später eine vollkommen fremde Welt. Die Zeiten, in denen in der ganzen bekannten Welt rund um das Mittelmeer an allen Orten Tempel für die verschiedensten Gottheiten standen sind lange vorbei. Genauso wie die Tieropfer, die auch im Tempel in Jerusalem – wie an all diesen anderen Orten -, an der Tagesordnung waren und von Priestern durchgeführt wurden.

Wir können zwar historisch und im Verstand nachvollziehen, wie das damals für die Gläubigen gewesen sein muss, aber wirklich verstehen können wir es nicht. Deshalb ist die ganze Theologie des Hebräerbriefes über Opfer, Hohepriester, Sühne, Melchisedek und so weiter, für uns so fremd.

All das ist theologisch, philosophisch, historisch erforschbar und wird auch erforscht. Wenn Du daran Interesse hast, findest Du zu dem Stichwort Hohepriester hier einen guten Ansatzpunkt: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/46907/.

Ich möchte mich in diesen An-ge-dacht-Gedanken auf einen Punkt dieses Textes und der Theologie vom Hohepriester Jesus beschränken: In Vers 2 heißt es: „Er kann mitfühlen mit denen, die unwissend sind und irren, weil er auch selber Schwachheit an sich trägt.“ Das ist für mich ein zentraler Bestandteil der christlichen Rede von der Menschwerdung Gottes in Jesus.

Gott will mit uns mitfühlen; er will uns klar machen, dass er an unserer Seite ist und uns wirklich in der Tiefe versteht. Das funktioniert aber nicht, indem er irgendwie vom Himmel ruft: „Ich fühle mit euch; ich verstehe, dass ihr leidet unter Corona, Krankheiten, Tod, widrigen Umständen, Angst, Not, Hunger, Krieg und so vielem, was das Leben schwer macht.“ Würden die Menschen dann nicht denken: „Ja, Gott, ist schon klar. Du bist da in deiner ewigen Herrlichkeit, unantastbar, und hast doch eigentlich keine Ahnung, was es bedeutet, Mensch zu sein“?

In Jesus leidet Gott aber tatsächlich mit. Ich bin immer erschüttert, wenn ich Christen höre, die nur die Gottheit Jesu betonen. Jesus ist dann gar nicht mehr menschlich. Doch darauf kommt es diesem Text doch an: Jesus ist ganz und gar Mensch, so wie jeder andere von uns auch. Der Hohepriester im Tempel von Jerusalem war ein Mensch und so ist auch der Hohepriester Jesus ein Mensch.

Jesus wird hier in dem Text in der tiefsten Tiefe seines Menschseins vorgestellt. Er bittet, fleht, schreit, heult, lernt… Warum das alles? Weil er Angst hat, weil er nicht leiden will, weil er Gott um Hilfe anfleht. Das sind alles Zeichen seiner Menschlichkeit, aber auch Zeichen seines unbedingten Gottvertrauens. Er ringt darum, in diesem Vertrauen auf Gott zu leben und auch das Leid annehmen zu können – und es gerade dadurch zu überwinden.

Können wir Jesus so menschlich sehen? Dann könnte er dieser menschliche Hohepriester sein, der im Glauben ein für alle Mal deutlich macht: Gott ist auf unserer Seite; Er leidet mit uns; Er geht mit uns durch das Leid und will ein gutes Leben trotz alledem ermöglichen – und das in Ewigkeit.

Darin ist Jesus uns ein Vorbild. Damit ist er der Anfänger und Vollender des Glaubens. Im Vers 9 wird das deutlich mit einem Wort, mit dem wir vielleicht unsere Schwierigkeiten haben: Gehorsam. Letztlich ist das aber doch einfach ein Synonym für Nachfolge. Darum ging es ja auch schon in einigen der letzten An-ge-dacht-Beiträgen. In der Nachfolge dieses Menschen Jesus, können wir auch füreinander da sein. In der Nachfolge können wir durch Leid und Not gehen und doch die Schönheit des Lebens erkennen (Lätare).

Ein menschlicher Gott, ein menschlicher Hohepriester Jesus – das ist immer noch nicht unsere moderne Vorstellungwelt, aber vielleicht können wir uns diesem Gedanken auch innerlich nähern und daraus Kraft für das alltägliche Leben gewinnen.

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe

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