Dieser Beitrag „Ein Gottesknecht“ erscheint in der Reihe „An-ge-dacht“, in der ich täglich Gedanken zu einer Perikope des jeweiligen Sonntags schreibe. Weitere Informationen darüber und eine Übersicht aller bisher erschienenen Beiträge findest Du hier: An-ge-dacht.

Lesung I, Palmsonntag

Jesaja 50, 4–9

4 Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.
5 Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
7 Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.
8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!
9 Siehe, Gott der Herr hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.

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Ein Gottesknecht, Palmsonntag, Lesung I, Jesaja 50,4–9

Möchtest Du ein „Gottesknecht“ sein? Wenn Du ein Theologe bist, wirst Du jetzt sicher an die „Gottesknechtslieder des Deuterojesaja“ denken. Wenn Du nicht so „christlich verbildet“ bist, dann sagst Du vielleicht: „Nö, ich will kein Knecht sein, auch (erst recht) nicht von Gott. Ich bin mein eigener Herr, meine eigene Chefin!“

Der Lesungstext heute für den Palmsonntag gehört zu einer Reihe von Texten, die die wissenschaftliche Theologie „Gottesknechtslieder“ nennt. Diese Texte aus dem Buch des Propheten Jesaja sind hochumstritten. Kein Mensch hat eine Ahnung, wer hier gemeint ist. Wer ist der Gottesknecht? Vielleicht bezieht sich das ursprünglich auf das Volk Israel, vielleicht auf eine einzelne Person – zum Beispiel den Perserkönig Kyros. Vielleicht spricht der Prophet auch über seine eigenen Erfahrungen.

Später wird die Sache etwas eindeutiger: Die Christen haben die Lieder vom Gottesknecht auf Jesus bezogen. Wenn wir den Text mal anschauen, dann passt da ja auch manches auf die Passionsgeschichte Jesu. Er wurde geschlagen und bespuckt und doch glauben die Christen, dass Gott ihm Recht gegeben hat – in der Auferweckung am Ostermorgen.

Da gibt es aber noch eine Menge mehr in dem Text. Meine Kollegin Barbara Hauck hat es in einer lesenswerten Predigt so ausgedrückt: „Da singt einer von dem, was sein Leben schwer macht – und weiß doch, dass Gott ihm nah ist.“ https://www.sonntagsblatt.de/artikel/glaube/predigt-die-gottesknechtslieder-des-propheten-jesaja-jes-50-4-9

Sollte das die Definition eines Gottesknechts sein? Damit kann ich schon etwas anfangen. In diesem Sinn ist es nämlich ein Vertrauenslied. Ein Gottesknecht ist nicht ein Sklave, nicht mal ein Diener, sondern ein Mensch, dem Gott nahe ist und der ihn auch in schwierigen Zeiten hält.

Pfarrerin Hauck macht auch darauf aufmerksam, dass dieser Text zu den ersten Texten der Bibel gehört, in denen Leid und schwere Ereignisse im Leben nicht als Strafe Gottes interpretiert werden. Leider gibt es aber bis heute Christen, die so denken. Damit sollten wir ein für allemal aufräumen. Gott will, dass es uns gut geht. Er will das Beste für uns, für Leib und Seele. Es geht in Leid und Schmerzen nicht um Strafe.

Vielmehr geht es darum, das Vertrauen auf Gottes Nähe und Liebe nicht aufzugeben. Dann erfahren wir, wie Gott hilft, wie er Kraft gibt, mit allem fertig zu werden. Vielleicht wird nicht „alles gut“, aber auch in schwierigen Lagen wird die Kraft da sein, weiterzugehen.

Darein passen auch die ersten Verse. Ohren auf um zu hören, was Gott sagt, aber auch auf die Nöte unserer Mitmenschen zu hören. Zuhören können ist eine Tugend, die wir pflegen sollten. Aufeinander hören heißt auch, nicht immer gleich selbst Recht zu haben. Wenn wir so zuhören können, dann können wir auch hilfreich reden. Dann können wir auch „mit den Müden zur rechten Zeit reden“. Dann können wir trösten, aufrichten, ermahnen, helfen.

Das ist ein Gottesknecht: Jemand, der zuhört und zur rechten Zeit das richtige redet. Auch darin können wir in Jesus ein Vorbild sehen. Das konnte er meisterlich. Wie oft haben seine Worte ins Schwarze getroffen und damit neues Leben ermöglicht, geheilt – Leib und Seele. Schade, dass mir das nicht immer gelingt. Ich hoffe, dass ich hier auf meinem Blog wenigstens hin und wieder mal den richtigen Ton finde.

Schließlich: In den letzten Monaten habe ich gespürt, wie gut es tut, auf Gott zu hören. Im Lesen in der Bibel – im Hören auf Gottes Wort. Das ist nicht immer einfach. Ich habe gemerkt, dass man dazu auch etwas Geduld braucht. Ein wenig versuche ich, Dich in diesen An-ge-dachten daran zu beteiligen. Es ist nicht immer alles fertig – das soll es auch gar nicht. Oft genug sind auch Zweifel dabei und Fragen offen – das muss wohl auch so sein. Doch merke ich, welchen Reichtum die Bibel über Jahrtausende bewahrt hat und auch heute noch Hilfe zu einem guten Leben gibt.

Wenn Du Dich über den Gottesknecht in Jesaja noch genauer informieren möchtest, dann schau mal hier rein: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/19964/

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe

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