​Dieser Beitrag „Die Weisheit Gottes“ erscheint in der Reihe „An-ge-dacht“, in der ich hin und wieder Gedanken zu einer Perikope des jeweiligen Sonntags schreibe. Weitere Informationen darüber und eine Übersicht aller bisher erschienenen Beiträge findest Du hier: An-ge-dacht.

Lesung I Jubilate

Sprüche 8,22–36

22 Der Herr hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.
23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.
24 Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen.
25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren,
26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens.
27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe,
28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe,
29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte,
30 da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit;
31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.
32 So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten!
33 Hört die Zucht und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind!
34 Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore!
35 Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom Herrn.
36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

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Die Weisheit Gottes, Jubilate, Lesung I, Sprüche 8,22–36

Echte Weisheit

Weisheit ist in Israel zur Zeit des Alten Testaments vor allem um die Erkenntnis, wie die Welt (Schöpfung) und das Leben der Menschen in ihr geordnet sind. Wer das erkannt hat, der kann auch seinen Platz in der Welt finden. Wir würden heute wohl formulieren: Dann kann dieser weise Mensch sein Glück finden.

Für den alttestamentlichen Glauben ist der Beginn der Weisheit immer, Gott ernst zu nehmen. Wir müssen erkennen, dass alle Weisheit von Gott kommt. Nur so kann der Mensch selbst weise werden. Deshalb wird hier die Weisheit Gottes als Grundlage und Voraussetzung aller Schöpfung und Weltordnung beschrieben.

Dieser Text ist poetisch! Ein Dichter beschreibt die Weisheit Gottes und lässt sie selbst sprechen, als ob sie eine lebendige Person wäre. Andere Völker haben dies noch konkreter gefasst und sich die Weisheit als Göttin vorgestellt.

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Bibel im Kirchenjahr

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​Schöpfung

Schöpfung ist ganz zentral in dem ersten Teil dieses Textes. Die “Selbstvorstellung” der Weisheit in diesem Gedicht dreht sich ganz und gar um die Schöpfung. An der Schöpfung ist Gottes Weisheit zu erkennen. Sie zeigt sich darin, dass die Welt geordnet ist. Alles hat seinen Platz und fügt sich zu einem Ganzen zusammen. Mit unserem heutigen Wissen über naturwissenschaftliche Zusammenhänge, erkennen wir noch besser, wie wunderbar die Welt, ja der ganze Kosmos, geordnet ist.

Für den Dichter lässt sich daraus aber vor allem ableiten, dass Gott diese Weltordnung der Schöpfung in der Hand hält und dafür sorgt, dass sie Bestand hat. Deshalb kann sich der Gläubige – der wahre Weisheit erlangt hat – darauf verlassen. Damit legt die Weisheit Gottes in der Schöpfung die Grundlage für ein Urvertrauen in das eigene Leben.

Weisheit und Spiel

Besonders interessant finde ich den Teil, in dem die Weisheit spielt! Es ist doch erstaunlich, dass ein fast zweieinhalbtausend Jahre alter Text ein solches Bild nutzt um Weisheit, sogar die Weisheit Gottes, zu beschreiben. Gott spielt mit der Weisheit.

Ich möchte dieses Bild von zwei Seiten betrachten:

Zum einen: Weisheit kann, sollte spielerisch betrachtet und erworben werden.
Wenn wir von Weisheit reden, dann denken wir doch meist an etwas Abstraktes. Es gibt wohl kaum ein Studium, das so sehr mit dem weltfremden “Elfenbeinturm der Wissenschaft” verbunden ist, wie die Philosophie. “Du studierst Philosophie? Aha!” Das weis man doch schon direkt, dass das eine brotlose Kunst ist. Der sollte lieber was vernüftiges machen.

Zum anderen: Liegt im Spiel auch Weisheit?
Meine Frau spielt sehr gerne. Eigentlich spiele ich auch gerne, aber irgendwie habe ich immer ein Hürde zu überwinden, bevor ich mich dazu verführen lasse. Vielleicht sollte ich viel öfter spielen – meine Frau würde sich freuen. Vielleicht führt das Spiel tatsächlich zu mehr Weisheit.

Weisheit lernen

Aber wie kann das gehen? Wie führt das zu mehr Weisheit, wie kann ich überhaupt Weisheit lernen? In meinem Beitrag zu “Lebensweisheiten”  habe ich schon einiges dazu geschrieben. Hier geht es mir heute vor allem um einen Punkt dabei, der in diesem Text zum Sonntag Jubilate besonders betont wird: Das Streben nach Weisheit!

Darum geht es im zweiten Teil des Textes. In diesem Abschnitt wird schon angedeutet, dass das kein leichtes Unterfangen ist. Uns gefällt sicher nicht nicht die Rede von “Zucht” und “Gehorsam”. Weisheit kommt nicht einfach angeflogen. Es geht um ein tägliches Streben danach.

Es braucht Zeit, Lebenszeit, um Weisheit zu erlangen. Wer es aber nicht einmal versucht, wer nicht immer nach Weisheit sucht, der wird auch nicht dahin kommen. Eine gute Grundlage dafür ist der Glaube – wenn auch nicht die einzige Grundlage. Die Mahnung am Schluss des Textes wird uns sicher verständlich, wenn wir auf die Mächtigen dieser Welt schauen, die die Weisheit in den Wind schlagen. Sie führen Zerstörung und Tod herbei. (Ich schreibe diesen Text kurze Zeit nachdem Putin den Befehl zur Invasion in der Ukraine gegeben hat.)

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​Jesus Christus

Schließlich noch ein Hinweis, der über den Text hinaus geht. Die ersten Christen kannten natürlich die Stellen des Alten Testaments, in denen von der Weisheit Gottes so geredet wurde, als sei sie eine Person, die schon vor der Schöpfung bei Gott war und durch die Gott alles geschaffen hat. Sie bezogen diese Gedanken auf Jesus. Für die ersten Christen ist in Jesus Christus selbst Gottes Weisheit in die Welt gekommen. Ein zentraler Text dafür ist der Beginn des Johannesevangeliums: “Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott.” Durch dieses Wort (bzw. die Weisheit) ist alles erschaffen.

In 1. Korinther 1,18-25 beschreibt Paulus, wie das Kreuz Jesu zwar für die Menschen wie eine Torheit erscheint, aber für die Gläubigen der Inbegriff der echten Weisheit Gottes ist.

Lebensweisheiten und Kirchenjahr

Nur noch ein kleiner Hinweis: Ich bin davon überzeugt, dass in den Texten und Themen des Kirchenjahres Lebensweisheiten zu finden sind, die dem Leben Sinn geben. Diese Weisheiten im Alltag umzusetzen, führen zu einem guten und glücklichen Leben. In meinem Beitrag “11 Lebensweisheiten aus dem Kirchenjahr” gebe ich ein paar kurze Erläuterungen dazu.

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe

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