Du hast Burnout? Selbst schuld!

Ist ein Betroffener wirklich selbst schuld an Burnout? Warum habe ich den Eindruck, dass viele, die über Burnout reden oder schreiben, tatsächlich immer noch eine solche Einstellung pflegen – auch wenn es vielleicht keine Absicht ist.

Es ist schon etwas seltsam mit dem Burnout. Vor ein paar Jahren nannte man es eine „Modekrankheit“. Heute ist es deutlich stiller geworden um das Thema. Inzwischen redet man etwas unaufgeregter darüber und trotzdem habe ich den Eindruck, dass es immer noch die gleichen Einstellungen sind, wie vor einem Jahrzehnt, die zur Sprache gebracht werden.

Immer noch ist das Verständnis für Burnout nicht gerade besonders verbreitet. Oft bekommt man zu hören: “Der soll sich mal etwas zusammenreißen.” Ja, wenn das so einfach wäre. Auch heute wird noch von vielen gesagt: Burnout ist doch gar keine richtige Krankheit.

Auch in Veröffentlichungen in Zeitungen, im Internet usw. wird häufig – manchmal vielleicht sogar unbewusst – das Unverständnis noch unterstützt.

Manches ist dabei ja durchaus richtig. Burnout wird tatsächlich in der ICD (einem offiziellen Verzeichnis von Erkrankungen) nicht als Krankheit geführt. Trotzdem ist jemand, der an Burnout leidet, krank. Den Betroffenen ist es wohl auch ziemlich egal, ob ein Arzt von Burnout, von Erschöpfungs-Depression, von Krankheit oder von einem Syndrom redet.

Sind Erkrankte psychische Monster?

Darum geht es mir in diesem Beitrag aber gar nicht. Mir geht es darum, dass oft – selbst in Veröffentlichungen, die den Betroffenen helfen wollen und sie ernst nehmen – auf eine Art über Burnout geredet wird, als ob die Erkrankten selbst daran schuld sind.

Ich möchte einmal ein Beispiel nennen: In einem Interview mit einer Ärztin, die selbst in einer Klinik Burnout-Betroffene behandelt und ganz bestimmt sehr großes Verständnis hat, habe ich folgende Aussagen über die Betroffenen gefunden:

  • er/sie leidet an „innerer Minderwertigkeit“
  • „kennt sein wirkliches Maß nicht“
  • „steht nicht mit sich in Beziehung“
  • „ist nicht in der Lage“ (dies oder das zu tun)
  • „hat keine eigene echte Identität“
  • ist „haltlos“
  • „konfliktunfähig“
  • „stressanfällig“
  • sein/ihr „Leben gelingt nicht“
  • fühlt „Ohnmacht“
  • „kompensiert über die eigene Machtposition“
  • „lebt virtuell und ist überfordert in realen Beziehungen“
  • „kann mit der grenzenlosen Freiheit unserer heutigen Zeit nicht umgehen“.

Natürlich können alle diese Beschreibungen in der Burnout-Phase vorkommen, aber in einem einzigen Interview so massiv diese Dinge zusammenzustellen, zeichnet doch ein äußerst seltsames Bild von den Erkrankten. Was müssen das für psychische Monster sein. Wenn dann auch noch im gleichen Zusammenhang als zentrale Ursache des Burnouts eine „Beziehungsstörung“ genannt wird und auf die Geschichte von Narziss zurückgegriffen wird – als seien alle Betroffenen Narzissten, dann wird es doch ziemlich schief. Also doch „selbst schuld an Burnout“?

Innere und äußere Ursachen für Burnout

Diese Darstellung kommt von einer Burnout-Ärztin, was muss man sich als Betroffener erst von Menschen anhören, die keine Ahnung haben, was das bedeutet. Wenn man dann auch noch ein Umfeld hat, das grundsätzlich kein Verständnis für psychische oder psychosomatische Erkrankungen hat, dann ist es fast unerträglich.

All das zusammen – die Art der Berichterstattung in Veröffentlichungen, das Unverständnis der Menschen und das Gefühl der eigenen Unfähigkeit – macht alles nur noch schlimmer.

Ich habe auch immer noch den Eindruck, dass gerade in Deutschland, Burnout als inneres Problem des einzelnen Menschen gesehen wird. In anderen Ländern wird viel mehr auch nach den sozialen Ursachen gefragt. Diese liegen zum Beispiel auch in gesellschaftlichen Umständen (Leistungsdruck, „schneller, höher, weiter“…), in der Gestaltung des Arbeitsplatzes oder der Arbeitsabläufe und vielen anderen äußeren Bedingungen.

Wenn wir das mit in Betracht ziehen, dann kann man nicht einfach so sagen: „Selbst schuld an Burnout“!

Die äußeren Bedingungen

Wie oft haben wir das Gefühl, wir könnten an den Umständen einfach nichts ändern. Ich nenne mal ein Beispiel aus meiner früheren Praxis als Pfarrer. Sag mal nein, wenn ein Angehöriger eines Verstorbenen vor der Tür steht und um ein Gespräch bittet. Da kannst du dir noch so klar sein, dass du eigentlich jetzt keine Kraft dafür hast, aber du musst einfach da durch. Es muss eben sein.

Häufig wird von sogenannten Coachs als Lösung dafür genannt, man müsse eben mehr delegieren. Das mag ja ein guter Rat für Manager sein, die ja auch überdurchschnittlich von Burnout betroffen sind, aber für uns „normale Menschen“ ist das doch sehr selten eine Möglichkeit. Noch ein Beispiel: Sag mal dem ehrenamtlichen Mitarbeiter: Ich delegiere jetzt die Aufgabe des Konfirmandenunterrichts an dich. Haha, sehr witzig.

Diese Situationen haben nichts damit zu tun, dass man als Betroffener nicht gerne auch mal Nein sagen würde oder Aufgaben abgeben möchte. Es hat nichts damit zu tun, dass jemand glaubt, er könnte alles besser und müsste alles selbst machen. Es gibt eben solche Situationen, speziell im Arbeitsleben, die kaum vermeidbar sind und von außen auf uns einstürmen.

Wenn Innen und Außen zusammentrifft…

Wirklich fatal wird es dann, wenn die äußeren Umstände und die innere Disposition miteinander in Verbindung kommen. Natürlich gibt es auch Probleme, die in einem Betroffenen selbst liegen. Das kann zum Beispiel ein übertriebener Perfektionismus sei oder Überfürsorglichkeit oder eben tatsächlich so etwas wie Narzissmus.

Gerade bei den besonders gefährdeten Berufen wird das aber doch auch von außen erwartet und damit gesteigert. Ja, es ist auch wahr, dass gerade sehr hilfsbereite und fürsorgliche Menschen in soziale Berufe gehen und dann auch besonders oft an Burnout erkranken. Dann kommen diese inneren und äußeren Ursachen zusammen und das ist ein Problem.

Wie reden wir über Burnout?

Doch auch, wenn ich diese Zusammenhänge sehe und die im Betroffenen selbst liegenden Ursachen anerkenne, bin ich der Meinung, wir müssten insgesamt angemessener über Burnout reden und schreiben. Jeder Ausdruck, hinter dem ein „selbst schuld“ stecken könnte, sollte vermieden werden. So einfach ist es nämlich nicht. Vor allem aber wird es den wirklich Erkrankten damit noch schwerer gemacht.

Was sind die Ursachen für so manches Unverständnis gegenüber Burnout? Neben den üblichen Vorbehalten gegenüber psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen und gesellschaftlich anerkannten Normen (z.B. Leistung…) sind es vor allem zwei scheinbar widersprüchliche Dinge:

1. Burnout wird viel zu ernst genommen.

Der Hype, der in den letzten Jahren um das Burnout-Syndrom gemacht wurde, tut einer hilfreichen Beschäftigung mit dem Thema und der Therapie der Betroffenen nicht gut. Auch wenn jeder, der sich mal ganz normal überfordert fühlt oder erschöpft ist, wie es immer mal vorkommen kann, plötzlich Burnout hat, dann kann das für die wirklich Erkrankten nicht gut sein.

Das so viel über Burnout berichtet wurde ist auch in zweierlei Hinsicht nicht gut. Zum einen gibt es viele oberflächliche und manchmal auch falsche Informationen, zum anderen wird häufig auch mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf die Betroffenen gezeigt: „Du bist ja letztlich selbst schuld an Burnout!“

Wir sollten viel unaufgeregter und vorsichtiger mit dem Thema umgehen und es eben nicht so übertrieben ernst nehmen.

2. Burnout wird nicht ernst genug genommen.

Scheinbar ein Widerspruch, aber wenn man auf die wirklich Erkrankten schaut, dann wird es vielleicht klarer. Wenn das Thema ruhiger und fundierter behandelt würde, dann könnten sie hoffentlich mehr Verständnis erwarten. Wie viele gehen nicht zum Arzt, weil sie Angst haben, eine psychische Krankheit diagnostiziert zu bekommen und dann von ihrer Umwelt schief angeschaut zu werden.

Meiner Meinung nach müsste deshalb Burnout zwar stiller, aber viel intensiver wahrgenommen und ernst genommen werden. Eben nicht auf der Ebene des „selbst schuld an Burnout“, sondern mit Aufmerksamkeit für und Zuwendung zu den Menschen, die unter Burnout leiden.

Was meinst Du dazu? Hast Du selbst oder in Deinem Familien-, Freundes- oder Kollegenkreis Erfahrungen mit dem Thema gemacht? Das interessiert mich sehr! Schreib doch bitte einen Kommentar oder schick mir eine Mail.

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe