​Büßen und beten

Büßen und beten sind nicht gerade in. Ganz besonders Buße ist ein für unsere Ohren sehr altertümliches Wort und wirkt irgendwie düster. Büßen ist doch so was von mittelalterlich. Wenn Du hier auf meinem Blog schon länger mitliest, dann ist Dir sicher klar, dass ich an dieser Stelle erst mal frage: Moment! Ist das wirklich so?

Zumindest ist der Buß- und Bettag, den wir in der Kirche am Ende des Kirchenjahres begehen, seit 1995 in Deutschland nicht mehr überall arbeitsfrei. Auch zu den Gottesdiensten an diesem Mittwoch kommen nur wenige Gläubige. Das weist nicht gerade darauf hin, dass büßen und beten besonders angesagt ist.

Ich frage mich außerdem, ob das staatlich oder kirchlich angeordnete einmalige Büßen und Beten im Jahr am Buß- und Bettag überhaupt sonderlich sinnvoll ist. Doch lass uns erst einmal schauen, was es mit Buße und dem Buß- und Bettag auf sich hat.

Zunächst: Büßen ist im religiösen Zusammenhang ein spezielle Form des Gebets. Zu Themen rund um das Beten habe ich bereits einige Beiträge veröffentlicht, die Du hier findest:

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Lebendiges Kirchenjahr

Dieser Beitrag steht im Themenbereich Lebendiges Kirchenjahr.

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Kirchenjahr
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Spiritualität

Kirchenjahr gehört mit Kirche und Bibel zum Bereich Spiritualität.

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Übersicht

Infos über alle Themen meines Blogs findest Du auf der Übersichtsseite.

​Buße

Buße ist uns wohl deshalb so unangenehm, weil es etwas mit Sünde und Schuld zu tun hat. Theologisch müssen wir hier aber unterscheiden zwischen Sünde als Trennung von Gott (siehe meinen Beitrag “Die Frage der Gottesferne”) und den “Einzelsünden”, der moralischen Verfehlung. Bei Buße geht es zuerst um die Überwindung der Trennung von Gott.

Sünde ist die Trennung des Menschen von Gott. Diese wird durch Gott selbst überwunden. Es geht nicht um moralische Sünde. Lügen, stehlen, betrügen oder auch “am Kuchenbüffet sündigen” ist nicht gemeint. Es ist auch nicht so, dass nur Menschen, die nicht gläubig sind, solche Sünden begehen. Kein Mensch – ob gläubig oder nicht – ist perfekt und ohne Fehler.

“Der Weg”

Ich möchte ein Wort benutzen, mit dem die ersten Christen ihren Glauben selbst bezeichnet haben, um das etwas deutlicher zu machen. In Apostelgeschichte 19,23 wird der christliche Glaube als “der Weg” oder auch “der neue Weg” bezeichnet. Es geht dabei nicht um eine Schwarz-Weiß-Malerei nach dem Motto: Der Weg der Ungläubigen ist gleich schlecht; der Weg der Gläubigen ist gleich gut!

Es geht vielmehr um Umkehr zu Gott. Jesus hat gesagt: “Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!” Matthäus 3,2 (LU). Das griechische Wort für “tut Buße” ist metanoeo und hat die Bedeutung “den Sinn oder das Verhalten ändern, umkehren”. Auch das hängt also mit dem Bild vom Weg zusammen.

All das ist nicht düster und bedrückend oder demütigend, sondern atmet eine große Weite und Fröhlichkeit. Einen neuen Weg einschlagen, einen Weg, der gut ist und sich richtig anfühlt. Ein Weg, der in ein weites Land führt, in dem Freiheit, Hoffnung und Liebe zu finden ist. Damit sollte all das Düstere, das wir mit Buße verbinden, beseitigt sein. Die Umkehr auf den neuen Weg ist hell und wunderbar!

Das also ist büßen, die Trennung von Gott überwinden: Einen neuen Weg einschlagen und mit Gott und mit vielen anderen Menschen gemeinsam unterwegs sein. Wenn man allerdings umkehrt auf einem Weg, dann ist man in eine andere Richtung unterwegs. Dann gilt es auch, diese Richtung einzuhalten.

Auf diesem Weg können auch einzelne Verfehlungen passieren, die nicht in Ordnung sind; also das, was wir üblicherweise mit dem Wort Sünde verbinden. Weil aber Gott selbst uns auf diesen neuen Weg gebracht hat, können wir uns darauf verlassen, dass wir immer wieder neu anfangen können. Das nennen wir in der Kirche Vergebung. Deshalb sagt Luther “dass das Leben eines Christen eine immerwährende Buße sei.”

Beichten und büßen

Diese “immerwährende Buße” hängt zusammen mit der Beichte. In der Beichte geht es eben darum, die Verfehlungen zu erkennen und sich wieder auszurichten auf den guten Weg. Bitte denke auch hierbei nicht an Schuld, Gericht, Verdammnis oder ähnliche dunkle Begriffe, sondern an Worte wie Erleichterung, gutes Gewissen, fröhlich neu anfangen, das Ziel im Blick behalten, hoffen…

Viele denken, dass es in der evangelischen Kirche keine Beichte gibt. Das ist allerdings nicht richtig. Für Martin Luther war die Beichte sogar ähnlich wichtig wie die beiden evangelischen Sakramente Taufe und Abendmahl. Nur gibt es bei uns keinen Beichtstuhl und keine Verpflichtung zur Beichte mehr.

Wir kennen in der evangelischen Kirche drei Formen der Beichte:

1. Herzensbeichte

In der Herzensbeichte kann ich als Gläubiger mein Gewissen im Gebet vor Gott erleichtern. Ich darf wissen, dass Gott mir wohlgesonnen ist und vergibt. Dazu braucht es kein kirchliches Amt oder besondere “Bußleistungen”.

2. Einzelbeichte

Die Einzelbeichte hat wohl die meiste Ähnlichkeit mit der „klassischen“ Beichte im Beichtstuhl. Manchen Christen tut es gut, vor einer/m Pfarrer/in zu beichten und das Gewissen zu erleichtern. Durch den Zuspruch der Vergebung, den mir ein anderer Mensch zusagt, wird die Neuausrichtung besonders spürbar.

3. Allgemeine Beichte

In der allgemeinen oder auch öffentlichen Beichte geht es nicht um die persönlichen Anliegen, sondern vielmehr um die Frage, ob wir als Gemeinde, Kirche oder gar Gesellschaft noch auf dem richtigen Weg sind. Die allgemeine Beichte hat ihren Platz zum Beispiel in der Bitte um Vergebung im Eingangsteil des Gottesdienstes und in der Abendmahlsliturgie.

Diese dritte Form der Beichte ist zentral für den Buß- und Bettag.

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​Buß- und Bettag

Solche Tage gibt es schon seit Jahrtausenden und nicht nur im Christentum. Sie wurden meist von der staatlichen Obrigkeit angeordnet, wenn es besondere Notzeiten – Hunger, Krieg… – gab. In der mittelalterlichen Kirche gab es einzelne solcher von Fall zu Fall angeordneter Bußtage, aber auch regelmäßige Fastentage, die mit Buße verbunden waren.

Die evangelische Kirche hat es von Anfang an genauso gehalten. Zum ersten Mal gab es einen von einer evangelischen Obrigkeit angeordneten Buß- und Bettag in Straßburg 1532. Der Anlass war die Bedrohung durch das osmanische Reich in den sogenannten “Türkenkriegen”.

Erst Anfang des 20. Jahrhundert wurde dann der Mittwoch vor dem letzten Sonntag des Kirchenjahres als allgemeiner Buß- und Bettag in evangelischen Ländern eingeführt. Diesen vom Staat angeordneten Feiertag gibt es heute so nicht mehr. Dennoch nimmt die Kirche mit dem Feiertag noch ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahr.

Der Buß- und Bettag hat deshalb einen dreifachen Charakter (nach Artikel Buß- und Bettage aus RGG, Band 1, 1539-1541, K. Dienst):

  1. Er ist ein Tag, an dem die Kirche fürbittend für die ganze Gesellschaft bei Gott eintritt.
  2. An diesem Tag nehmen wir wichtige Themen der Gesellschaft aus der Sicht des Glaubens in den Blick.
  3. Es ist ein Tag der Gewissensprüfung des einzelnen Gläubigen vor Gott.

So ist der Buß- und Bettag also ein Tag der Neuausrichtung auf dem Weg mit Gott – nicht nur für den einzelnen Gläubigen, sondern auch für die Gemeinde und die Kirche insgesamt. Für mich ist auch das gerade ein Zeichen der Hoffnung und Zuversicht. In der dunklen und traurigen Zeit des November, mit dem Gedenken an die Verstorbenen, richtet uns der Buß- und Bettag nach vorne in die Zukunft aus – und Gott geht mit uns auf diesem Weg.

Links

Wikipedia „Buß- und Bettag“

busstag.de

ekd.de „Buß- und Bettag“

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe