Dieser Beitrag „Das Aber des Hiob“ erscheint in der Reihe „An-ge-dacht“, in der ich täglich Gedanken zu einer Perikope des jeweiligen Sonntags schreibe. Weitere Informationen darüber und eine Übersicht aller bisher erschienenen Beiträge findest Du hier: An-ge-dacht.

Lesung III, Judika

Hiob 19, 19–27

19 Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt.
20 Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon.
21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen!
22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?
23 Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift,
24 mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen!
25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.
26 Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen.
27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

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Das Aber des Hiob, Judika, Lesung III, Hiob 19,19–27

Hiob hatte alles verloren – seine Familie, sein Haus, sein Vermögen, sein Ansehen. In extrem drastischen Worten drückt er sein Elend aus. Er ist in der tiefsten Tiefe eines menschlichen Lebens angekommen.

Im Hiobbuch wird berichtet, wie seine Freunde zu ihm kommen, um ihn zu trösten. Doch sie machen alles nur noch schlimmer. Letztlich geben sie ihm zu verstehen: Du bist selbst schuld an deinem Elend. Du musst Gott verärgert haben. Hiob empfindet das, als ob die Freunde sein „Fleisch essen“. Nein, kein Kanibalismus, aber tiefste Enttäuschung.

Hiob aber spürt, dass Gott ihn verlassen hat. In einer mythologischen Szene im Himmel wird beschrieben, wie Gott dem Satan das Recht gibt, Hiobs Glauben zu „prüfen“. Ein schrecklicher Gedanke. Wieder eine tiefste Enttäuschung. Hiob ist enttäuscht, verlassen von Gott und Menschen.

Das ist schon allein schier unglaublich. Kein Wunder, dass das Schicksal des Hiob bis heute sprichwörtlich ist in dem Ausdruck „Hiobsbotschaft“. Was bleibt Hiob eigentlich noch? Sich das Leben nehmen? Völlig aufgeben? Schluss machen? Das scheint doch naheliegend.

Doch dann gibt es in dem Lesungstext ein kleines, großes Wort: „Aber“. Gibt es eigentlich immer und in der ausweglosesten Situation ein „Aber“? Kennen wir das „Aber“ auch in den alltäglichen vergleichsweise kleinen Schwierigkeiten des Lebens? Können wir dieses „Aber“ auch in der Corona-Pandemie noch hören?

„Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ So drückt es Hiob aus. Er ist sich gewiss, dass der Gott, der ihn verfolgt und ihn der Willkür des Schicksals ausgeliefert hat, der einzige ist, der dennoch Hilfe bieten kann. Gott ist Hiobs Gott in der Nähe, aber eben auch, wenn er fern ist. Es gibt keine Möglichkeit ihm zu entrinnen, aber darin liegt gerade auch die Gewissheit, dass Gott auch in der Tiefe da ist.

Wir sind es gewohnt – und auch ich habe es hier auf meinem Blog schon oft so ausgedrückt -, die Nähe Gottes im Leid zu betonen. Das erscheint dem Glauben gut und schön; zu wissen, auch wenn es mir schlecht geht, ist Gott da mit seiner Lieben, mit seinem Trost, mit seiner Hilfe.

Hier bei Hiob ist das nicht so kuschelig. Es bleibt die existentielle Bedrohung, die schiere Wucht des Leids. Die Probleme, Gott zu verstehen, werden nicht weggewischt. Und doch bleibt Gott, der, an den sich Hiob wendet.

So hat es auch Schalom Ben-Chorin, ein deutsch-jüdischer Schriftsteller und Journalist, ausgedrückt. In seinem Lied, das im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 237 zu finden ist, dichtet er:

Und suchst du meine Sünde, flieh ich von dir zu dir, Ursprung, in den ich münde, du fern und nah bei mir. Wie ich mich wend und drehe, geh ich von dir zu dir; die Ferne und die Nähe sind aufgehoben hier. Von dir zu dir mein Schreiten, mein Weg und meine Ruh, Gericht und Gnad, die beiden bist du – und immer du.

Angesichts der Schoah, des Holocausts, ist nicht mehr ungebrochen von der Liebe und Nähe Gottes zu reden. Es gehört immer auch die Ferne Gottes dazu, in der wir aber auch nichts anderes können, als von ihm weg zu ihm hin zu fliehen.

So erging es auch Hiob. So erging es auch Jesus am Kreuz. Er fühlt sich von Gott verlassen, und weiß doch keinen anderen Rat, als sich an diesen Gott und Vater zu wenden. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

Ich bin versucht, zu schreiben: Darin liegt Hoffnung, doch das wäre wohl angesichts des Leids in der Welt etwas zu platt. Vielleicht liegt darin aber doch wenigstens die letzte Hoffnung überhaupt.

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe

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