Dieser Beitrag „Sich unbeliebt machen“ erscheint in der Reihe „An-ge-dacht“, in der ich täglich Gedanken zu einer Perikope des jeweiligen Sonntags schreibe. Weitere Informationen darüber und eine Übersicht aller bisher erschienenen Beiträge findest Du hier: An-ge-dacht.

Lesung IV, Judika

Markus 10, 35–45

35 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden.
36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue?
37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.
38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?
39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;
40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.
41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.
42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.
45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

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Sich unbeliebt machen, Judika, Lesung IV, Markus 10,35–45

Hier machen sich zwei aber ganz schön unbeliebt. Kein Wunder, würden wohl die meisten sagen. Johannes und Jakobus – zwei Brüder und Superjünger Jesu (sie waren von Anfang an dabei und immer an forderster Front) – sind aber auch selbst schuld. Wer sich derart in den Fordergrund drängt, der wird bei den anderen unbeliebt. Ist doch logisch.

Für die beiden war wohl klar, dass Jesus der „kommende Mann“ ist. Vielleicht würde er sogar König in Israel, die Römer aus dem Land werfen und dann alles gut machen. Dabei wollten sie ein gehöriges Wort mitreden. Rechts und links neben dem Thron des Herrschers; das wäre doch genau der richtige Platz.

Wahrscheinlich haben sie es sogar gut gemeint. Johannes und Jakobus waren sicher der Meinung, sie könnten wichtige Stützen für Jesus sein. Sie würden an seiner Seite sein und ihm helfen. Sie würden ihn gut beraten und das Beste für alle anderen wollen und wissen.

Aber gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Mit ihrer Bitte an Jesus machen sie sich sehr unbeliebt bei den anderen zehn Jüngern. Auch Jesus lehnt ihre Bitte zwar freundlich, aber doch bestimmt ab. Und er geht noch einen Schritt weiter. Er klärt ein für alle Mal, dass es unter Christen keine normale Hierarchie geben kann. Es gilt vielmehr eine Hierarchie von unten nach oben. Wer der erste Sein will, muss dienen – genauso, wie Jesus selbst.

Das hat damals Johannes und Jakobus sicher nicht gepasst. Das hat ganz bestimmt auch den anderen zehn nicht gefallen. Und das gefällt vielen auch heute noch nicht. Auch in der Kirche, besonders der katholischen, aber auch in der evangelischen, gibt es Hierarchien, die teilweise ziemlich verfestigt sind. Das soll unter euch nicht so sein, sagt Jesus.

Sicher braucht es Regelungen, wie Entscheidungen getroffen werden – das ist menschlich nötig. Trotzdem müssen die, die in der Entscheidungsreihenfolge oben stehen, wissen, dass sie dienen müssen. Sind unsere Kirchenoberen bereit den Kelch zu trinken, den Jesus trinkt, und mit der Taufe getauft zu werden, mit der Jesus getauft wird? Das bedeutet nämlich sein Leiden und sein Tod am Kreuz.

Es ist leichter gesagt als getan – der Macht zu widerstehen. Damit beziehe ich mich nicht nur auf die Leitenden in den Kirchen oder die Regierenden, sondern auch auf unsere alltäglichen Bezüge. Wie leicht kommen wir in die Gefahr, in einer Partnerschaft oder Ehe die Oberhand über den Partner gewinnen zu wollen. Wie stark wird heute noch Herrschaft von Eltern über ihre Kinder ausgeübt – wie schmal ist der Grat zwischen Erziehen und Herrschen.

In Vereinen gibt es erbitterte Machtkämpfe. In der Firma klare Hierarchien, die auch oft genug von den Vorgesetzten ausgenutzt werden. Männer über Frauen. Weiße über Schwarze. Deutsche über Ausländer. Reiche über Arme. Diese Reihe können wir schier endlos fortsetzen. So soll es bei euch nicht sein, sagt Jesus.

Nein, eigentlich sagt er: So ist es bei euch nicht. Er stellt keine Forderung auf, sondern spricht es seinen Nachfolgern zu. Er weiß sicherlich, dass sie immer wieder daran scheitern werden, aber er traut es uns zu! Tatsächlich: Jesus traut uns zu, uns auf Augenhöhe zu begegnen, egal ob wir „oben“ oder „unten“ sind. Wir sind alle Menschen, die von Gott geliebt werden. Schauen wir uns so an, dann kommt das Reich Gottes in uns. Außerdem hat es noch den Vorteil, dass wir uns nicht unbeliebt machen, auch wenn wir dafür vielleicht mal belächelt werden.

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe

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