Dieser Beitrag „Kleinglaube“ erscheint in der Reihe „An-ge-dacht“, in der ich täglich Gedanken zu einer Perikope des jeweiligen Sonntags schreibe. Weitere Informationen darüber und eine Übersicht aller bisher erschienenen Beiträge findest Du hier: An-ge-dacht.

Lesung II, Quasimodogeniti

Jesaja 40,26–31

26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?
28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.
30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;
31 aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

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Kleinglaube, Quasimodogeniti, Lesung II, Jesaja 40,26–31

​Kleinglaube – was soll das sein? Ist mein Glaube zu klein? Ist es dann überhaupt noch Glaube? Kann man Glauben messen? Ist es nicht vielmehr so, dass man entweder glaubt oder eben nicht?

Dieser Lesungstext zum Sonntag Quasimodogeniti redet zu dem Volk Israel in der babylonischen Gefangenschaft. Nach Jahrzehnten der Verbannung aus dem eigenen Land und Leben in der Fremde, fragten sich die Menschen, ob Gott überhaupt noch an sie denkt. Hat Gott überhaupt die Kraft, ihnen noch beizustehen und zu helfen?

Ja, sie glaubten noch an ihren Gott und sie erinnerten sich an die Verheißungen, die dieser Gott ihrer Vorfahren ihnen gegeben hatte. Verheißungen für ein eigenes Land, in dem Milch und Honig fließt, in dem sie in Ruhe und geschützt vor Feinden gut leben konnten. Doch ihr Glaube drohte zu versiegen. Das war wohl wirklich Kleinglaube – ein Glaube, der nur noch eine Ahnung von Gott hatte. Ein Glaube, der selbst Gott klein machte.

Dagegen predigt Jesaja an. Nein, Gott ist nicht klein. Gott hat die Welt erschaffen und ist der Herr auch über die Geschichte. Und Jesaja geht noch viel weiter: Die Babylonier und alle anderen Völker beteten zu vielen Göttern. Auch die Sterne, Sonne und Mond wurden als Götter verehrt. Jesaja ruft seinem kleingläubigen Volk zu: All das ist von unsererm Gott erschaffen. Auch das Heer der Sterne ist ihm untertan. Wieso habt ihr einen solchen Kleinglauben?

Dieser Gott, der alles in seiner Hand hat, kann nicht müde werden und er kann auch sein Volk, seine Menschen nicht vergessen. Sein Verstand ist unausforschlich. Der Kleinglaube kann ihn nicht wirklich verstehen und ergründen, ja nicht einmal der Glaube.

Trotzdem hat Jesaja offenbar Verständnis für den Kleinglauben der Menschen. Ungeduld, Zweifel, ja sogar Verzweiflung sind menschlich. Manchmal fällt es schwer, Gottes Wege zu verstehen. Manchmal ist es schier unmöglich, noch an dem Glauben festzuhalten. Wenn dann wenigstens noch der Kleinglaube da ist, dann ist noch alles möglich.

Das spricht Jesaja den Menschen damals und auch uns heute zu: Es kommt nicht darauf an, dass du ein großer Glaubensheld bist. Du musst nicht zu allem Ja und Amen sagen. Du kannst Zweifel haben. Du kannst klagen. Gerade dann, wenn dein Kleinglaube klein genug ist, dann ist Platz da für die Größe und die Kraft Gottes.

Nicht die eigene Kraft und die Größe des Glaubens sind entscheidend, sondern dass Gott Kraft hat, nicht müde wird und immer an dich denkt. Wenn du nur noch Kleinglaube hast oder gar keinen Glauben mehr, dann glaubt Gott immer noch an dich.

So ermöglicht der Kleinglaube erst, die Kraft Gottes zu erfahren. Das macht Hoffnung. Im Text heißt es, die auf den Herrn harren bekommen neue Kraft. Ein altes Wort, harren, aber ein schönes Wort. Es beinhaltet hoffen und warten zugleich. Es trumpft nicht auf, aber es behält die Hoffnung auf Gott – wie der Kleinglaube.

Mir hat das Bild für „neue Kraft bekommen“ immer sehr gut gefallen: „dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler“. Ein wunderbares Bild, nicht nur für Kraft, sondern auch verbunden mit Leichtigkeit, mit Lebensfreude, mit Sehnsucht nach Weite und Freiheit.

In schweren Zeiten des Lebens – bei mir vor allem in der Zeit des Burnouts – hat mich dieses Bild zwar nicht verlassen, aber ich habe mich oft genug gefragt, wann ich das wieder spüren werde. Da war er viel mehr spürbar, der Kleinglaube. Da blieb nur noch das Harren. Doch anscheinend ist Gott das genug. Er war nie weg; nur nicht immer spürbar. Er kommt wieder mit Kraft und Zuversicht.

Auch Jesus hat das so gesehen. Er sagt, es reicht einen Glauben zu haben wie ein Senfkorn, also klitzeklein, um Berge zu versetzen. Er steht denen bei, die kleingläubig sind und er schaut sogar den Petrus liebevoll an, der seinen Glauben gerade verleugnet hat.

Gott ist wohl viel großzügiger, als so manche besonders gläubige Menschen. Gott vergisst uns nicht und er hat immer die Kraft, die uns gerade fehlt. Lass uns deshalb nicht auf den Kleinglauben herabblicken. Je kleiner der Glaube, desto mehr kann Gott schenken.

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe

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