Dieser Beitrag „Die versagenden Jünger“ erscheint in der Reihe „An-ge-dacht“, in der ich täglich Gedanken zu einer Perikope des jeweiligen Sonntags schreibe. Weitere Informationen darüber und eine Übersicht aller bisher erschienenen Beiträge findest Du hier: An-ge-dacht.

Lesung V, Okuli

Lukas 22, 47–53

47 Als er aber noch redete, siehe, da kam eine Schar; und einer von den Zwölfen, der mit dem Namen Judas, ging vor ihnen her und nahte sich Jesus, um ihn zu küssen.
48 Jesus aber sprach zu ihm: Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss?
49 Als aber, die um ihn waren, sahen, was geschehen würde, sprachen sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?
50 Und einer von ihnen schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab.
51 Da sprach Jesus: Lasst ab! Nicht weiter! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn.
52 Jesus aber sprach zu den Hohenpriestern und Hauptleuten des Tempels und den Ältesten, die zu ihm hergekommen waren: Ihr seid wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen ausgezogen?
53 Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen, und ihr habt nicht Hand an mich gelegt. Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis.

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Die versagenden Jünger, Okuli, Lesung V, Lukas 22,47–53

Was ist nur mit den Jüngern Jesu los? In dieser Perikope ist Jesus offensichtlich der einzige, der bei Sinnen ist. Da kommt Judas Iskariot und verrät Jesus mit einem Kuss. So haben wir es gelernt und so scheint es auch hier zu stehen. Allerdings heißt es wörtlich nicht „verraten“, sondern „ausliefern“.

Es wird an manchen Stellen auch gesagt, dass es so kommen „musste“. Das hat die Bedeutung, dass sich erfüllt, was Gott schon immer vorgehabt hat. Es erfüllt sich die Schrift der hebräischen Bibel, des Alten Testaments.

In diesem Sinne könnte man doch auch sagen, dass Judas den Willen Gottes tut. Zumindest scheint es so, dass er selbst sich der Konsequenzen seines Verhaltens nicht bewusst gewesen ist. Er hatte vielleicht etwas ganz anderes im Sinn, zB. könnte er gehofft haben, dass Jesus in der direkten Konfrontation seine wahre Macht zeigt.

Die Berichte über die Rückgabe des „Judaslohns“ und über seinen Suizid (was nicht eindeutig ist), legen jedenfalls nahe, dass es nicht so einfach ist, in schlicht als „Verräter“ zu bezeichnen. Immerhin ist durch ihn der Heilswille Gottes in Jesus am Kreuz in die Wege geleitet worden.

Martin Senftleben spricht sich auf seiner Website „Das Kirchenjahr“ sogar für einen Gedenktag des Apostels Judas Iskariot aus: https://www.daskirchenjahr.de/tag.php?name=judasiskariot&zeit=&typ=proprium.

Wie auch immer wir Judas bewerten, die anderen Jünger sind doch auch nicht besser. Hier wollen sie Jesus mit dem Schwert verteidigen. Ja, haben die denn gar nichts gelernt? Haben die Jesus überhaupt irgendwann mal zugehört? Wo bleibt hier die Nächstenliebe oder die Feindesliebe? Wo bleibt hier Sanftmut, Gelassenheit? Wo überlassen sie hier die Sorge Gott?

Wir haben doch auch ganz deutlich die Geschichte von der Verleugnung Jesu durch Petrus im Kopf. Dreimal behauptet Petrus, Jesus nicht zu kennen. Dann kräht der Hahn. Ist das nicht auch wie „Verrat“? Und hier beginnt sogar einer der Jünger mit dem Kampf und schlägt einem der Knechte ein Ohr ab.

Das Thema von Okuli ist konsequente Nachfolge. Sieht konsequente Nachfolge so aus? Jesus ausliefern, verleugnen und mit Gewalt gegen seine Gegner vorgehen? Ein Glück ist es das nicht, was Jesus von uns erwartet. Vielmehr gilt es ihm in seinem Weg der Liebe zu Gott, dem Nächsten und den Feinden zu folgen.

Irgendwie habe ich das Gefühl, das könnte schwerer sein, als sich Waffen zu besorgen und mal so richtig dreinschlagen. Leider tun das heute auch viele Christinnen und Christen – nicht unbedingt mit Waffengewalt, aber mit Worten. Das geschieht immer, wenn wir wissen, wie es gehen muss und nicht in der konsequenten Nachfolge Jesu bleiben.

Ist vielleicht das vielmehr die Macht der Finsternis, von der Jesus im letzten Vers redet? Kommen die Knechte der Hohenpriester als Macht der Finsternis oder stehen die Freunde Jesu mit ihrem „Verrat“ und ihrer „Verleugnung“ und ihrer Gewaltbereitschaft nicht auch schon auf dieser Seite?

Ein Glück überwindet Jesus diese Denkweise. Er heilt das Ohr des Knechtes und er geht den Weg der Liebe konsequent – bis in den Tod am Kreuz. Ist er unser Vorbild für eine konsequente Nachfolge?

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe

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