Die Orientierungshilfe der EKD zu Ehe und Familie ist schon kurz nach ihrem Erscheinen heftig umstritten. Ich versuche in diesem Artikel eine Übersicht über die Orientierungshilfe selbst und die Diskussionen im Internet zu bringen. Natürlich kann das nicht vollständig sein. Wenn ihr weitere Hinweise und Quellen aus dem Netz habt, dann schreibt doch bitte einen Kommentar.

Update 05.07.2013: Weitere Links gibt es im Nachtrag zur Orientierungshilfe zu Familie und Ehe!

Ich halte die Orientierungshilfe für eine gute Grundlage für die weitere Diskussion über das Thema Familie und Ehe. Auch wenn ich nicht in allem mit den Aussagen übereinstimme. Es gibt aber eine Fülle wertvoller Denkanstöße.

Orientierungshilfe zu Ehe und Familie heftig umstritten

Der Rat der EKD hat am 19.06.2013 eine Orientierungshilfe zu Ehe und Familie veröffentlicht, die seit dem heftig umstritten ist.

„Zwischen Autonomie und Angewiesenheit, Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“, Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Link mit Downloadmöglichkeit zur Vorstellung der Orientierungshilfe auf der EKD-Seite:
„Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“

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Die Kernaussagen der Orientierungshilfe werden in Thesen in folgendem Artikel zusammengefasst:

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Ein sehr guter erster Überblick zur Orientierungshilfe:

Anhand des Inhaltsverzeichnisses der Orientierungshilfe kann man sich schon mal einen guten Überblick darüber verschaffen, worum es eigentlich geht.

1. Zusammenfassende Thesen
2. Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familienleben heute
3. Familie und Ehe im Wandel
4. Verfassungsrechtliche Vorgaben und Leitbilder von Ehe und Familie im Familienrecht heute
5. Theologische Orientierung
6. Herausforderungen und Brennpunkte der Familienpolitik

6.1 Zeit füreinander – Alltag und Fest
6.2 Erwerbsarbeit und Sorgetätigkeiten in der Familie
6.3 Erziehung und Bildung
6.4 Generationenbeziehungen und Fürsorglichkeit
6.5 Häusliche Pflege
6.6 Gewalt in Familien
6.7 Migration und Familienkulturen
6.8 Reichtum und Armut von Familien

7. Familienpolitik als neue Form sozialer Politik
8. Wie Kirche und Diakonie Familien stark machen können
9. Empfehlungen

Gerade in den Unterpunkten des 6. Kapitels wird deutlich, dass auch „heiße Themen“ angesprochen werden. Leider wird in kaum einem in diesem Artikel genannten Link darauf eingegangen. Vielleicht ergibt sich das ja, wenn die erste Aufregung vorbei ist und etwas vernünftiger diskutiert werden kann.

Für unsere Diskussion innerhalb der evangelischen Kirche empfehle ich gerade auch das 8. Kapitel, denn auch die evangelische Kirche hat im Blick auf die Unterstützung von Familie und Ehe noch einigen Nachholbedarf.

Die Empfehlungen im 9. Kapitel sollten durchaus auch ernst genommen werden und als Diskussionsgrundlage im kirchlichen, ökumenischen und im politischen, gesellschaftlichen Diskurs angenommen werden.

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Zank und Streit

Es fällt auf, dass so mancher Diskussionsbeitrag ohne echte Argumente auskommt – wenn man es vorsichtig formuliert. Vielfach bekommt man den Eindruck, dass die Orientierungshilfe gar nicht gelesen wurde.

Einer meiner Religionslehrer in der Schule hat uns immer wieder auf den Unterschied zwischen Zank und Streit aufmerksam gemacht. Streit sei etwas Gutes! Es gehe darum, dass man um die richtige Erkenntnis, um die Wahrheit, um den rechten Weg immer wieder ringen muss. Es gehe um den engagierten Streit um die gute Sache. Zank dagegen ist etwas anderes. Zank ist verbunden mit Aggressionen, mit dem Durchsetzenwollen der eigenen Meinung.

In diesem Sinne sehe ich leider sehr viel Zank in der Diskussion um das EKD-Papier.

Andererseits sind manche Reaktionen auch verständlich. Der Orientierungshilfe „Anpassung an den Zeitgeist“ vorzuwerfen ist wohl das Abwegigste. Das bedeutet doch, dass man sich bei allen „Lieb-Kind“ machen möchte. Gerade die harsche Kritik selbst zeigt, dass dies eben nicht der Fall ist. Im Gegenteil: Die Orientierungshilfe ist an vielen Stellen so klar und eindeutig pointiert, dass sie damit eben so manchem auf die Füße tritt.

Am besten verstehe ich die Kritik aus der Politik! Die Orientierungshilfe benennt an etlichen Stellen klar und deutlich die Defizite, die die Familienpolitik in Deutschland ausmachen. Sie gibt der Politik sozusagen Hausaufgaben auf. Dass das nicht gefällt ist wohl klar. Man könnte natürlich auch sagen: „Der getroffene Hund bellt.“ (Wenn ich das mal so salopp schreiben darf).

Was mir gerade besonders gut gefällt an der Orientierungshilfe ist aber, dass die EKD nicht nur „austeilt“, sondern auch deutliche Selbstkritik übt. Ein Punkt, der mir seit Jahren sehr wichtig ist, betrifft die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Diakonie. Bis heute sind oft genug die diakonischen Einrichtungen weit weg von Kirche und vor allem Kirchengemeinden. Dass Diakonie sich als kirchliche Einrichtung versteht und Kirchengemeinden ihre diakonische Verantwortung übernehmen ist leider noch lange nicht überall der Fall – ganz besonders wichtig wäre dies aber im Blick auf die Unterstützung von Familien.

Darüber hinaus muss auch klar sein, dass es in der evangelischen Kirche keine lehramtlichen Entscheidungen von oben gibt. Die Orientierungshilfe ist ausdrücklich kein Dogma, an das sich nun jeder evangelische Christ zu halten hätte. Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx, die zu den Autorinnen gehört, sagt deswegen deutlich:

Was wir mit diesem Papier wollen, ist eigentlich genau die Diskussion, die läuft.
Wir haben laut Medienanalyse ein Drittel positive Reaktionen, ein Drittel negative Reaktionen und ein Drittel Nachfragen. In der Tat, besonders die negativen Reaktionen sind heftig. Cornelia Coenen-Marx

Was ja wohl bedeutet, dass der überwiegende Teil der Reaktionen nicht mit der Orientierungshilfe einverstanden ist. Leider ist aber auch zu beobachten, dass es kaum eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Inhalten des Papiers gibt. Die Kritik besteht fast immer in einer pauschalen Ablehnung der Orientierungshilfe.

Bibelverständnis

Gerade im Blick auf die innerevangelische Diskussion ist die Frage nach dem Verständnis der Bibel zentral. Den verschiedenen Meinungen zu Ehe und Familie liegen unterschiedliche Auffassungen über die Art, wie wir die Bibel lesen, zu Grunde. Es geht dabei um Fragen wie das wörtliche Verständnis biblischer Texte, die Bedeutung historisch-kritischer Forschung und den Einfluss kultureller, geschichtlicher und gesellschaftlicher Veränderungen.

Die Kritik an dem Bibelverständnis der Orientierungshilfe ist meines Erachtens zumindest in dem Punkt berechtigt, dass die Verfasser etwas oberflächlich argumentieren. Gerade bei dieser wichtigen Grundlage der Argumentation wäre es gut gewesen gründlicher vorzugehen.

In den letzten Wochen gab es über die Frage, wie wir die Bibel verstehen, bereits eine breite Diskussion im Internet. Sie wurde ausgelöst vor allem durch das neue Buch von Klaus Berger „Die Bibelfälscher: Wie wir um die Wahrheit betrogen werden“. Vergleiche dazu meine Artikel auf Lechajim.com:

Ein Artikel, der sich zwar nicht mit der Orientierungshilfe selbst beschäftigt, aber mit Fragen der Bibelauslegung im Blick auf den Umgang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, ist hier zu finden:

Verständnis von Ehe und Familie

Der Orientierungshilfe wird vorgeworfen, dass sie die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie abwertet. Ich habe das nicht so gelesen. Es kommt wohl sehr auf das persönliche und thematische Sensorium an, mit dem man diesen Text liest. Allerdings mag man den Kritikern zugestehen, dass eine klarere Aussage dazu gut gewesen wäre. Auch wenn es dem Text vor allem nicht um eine Abwertung der klassischen Familie, sondern um eine Aufwertung alternativer Familienkonzepte geht. Gut, dass Präses Schneider die Wertschätzung der klassischen Familie in Interviews und Stellungnahmen noch einmal deutlich gemacht hat.

Schon vor der Veröffentlichung der Orientierungshilfe stellte der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, klar:

Trotzdem verdient für mich die Ehe herausragenden Schutz, weil sie in der Regel mit der Verantwortung der zwei Partner für die kommende Generation verbunden ist.

Auf seinem eigenen Blog schreibt er:

Ich selbst bin seit 33 Jahren verheiratet, habe zwei erwachsene Kinder und bin von der Lebensform Ehe und Familie persönlich sehr überzeugt. Familie ist keine heile Welt, aber im Idealfall bietet gerade diese Lebensform, insbesondere dann wenn zur Familie Kinder gehören, der nachwachsenden Generation in besonderer Weise ein Grundvertrauen zum Leben.

Es bleibt seltsam, wie unterschiedlich die Veröffentlichung gelesen werden kann: Die einen kritisieren, dass Familie und Ehe völlig aufgelöst werden, die anderen bejubeln die Stärkung von Ehe und Familie durch das Papier.

Ein zentraler Kritikpunkt ist:

Paare sollen sich auch darauf einstellen, sich irgendwann vielleicht wieder zu trennen.

Auch hier wird auf seltsame Weise tendenziell ein einzelner Satz aus dem Zusammenhang gerissen. Ist es nicht so, je wichtiger ich die Dauerhaftigkeit und Bedeutung der Ehe einschätze, umso wichtiger wird auch die Ernsthaftigkeit, mit der die Ehe eingegangen wird. Natürlich ist für uns die romantische Liebe eine der Grundvoraussetzungen für eine Eheschließung. Aber wurde nicht schon immer, gerade von Seiten der Kirchen (auch der katholischen) betont, dass die lebenslange Treue in der Ehe auch noch weitere Grundpfeiler braucht. Gehört dazu nicht auch, dass Brautpaare sich ernsthaft Gedanken machen:

  • ob die Familie wirtschaftlich stabil sein kann,
  • wie es mit dem gemeinsamen Kinderwunsch aussieht,
  • wie es mit der Tragfähigkeit der Beziehung aussieht, wenn es schwere Zeiten gibt,
  • bei Konfessionsverschiedenheit: welche Rolle spielt die Konfession im gemeinsamen Glaubensleben und
  • welche Rolle spielt die Konfession bei der Kindererziehung?

Ich würde als Pfarrer niemals einem Brautpaar sagen, sie sollen sich darauf einstellen, sich irgendwann wieder zu trennen! Selbstverständlich! Aber ich freue mich doch im Traugespräch darüber, wenn ich spüre, dass ein Brautpaar nicht blind vor Liebe ist. Es macht doch durchaus Sinn, wenn sie offene Augen auch für die Gefährdung von Partnerschaft und Familie in unserer Welt haben.

Ein paar Argumente im Überblick

Die EKD nimmt in der Orientierungshilfe den gesellschaftlichen Wandel klar in den Blick. Dies wird von den einen positiv aufgenommen, von anderen kritisiert.

Ebenso unterschiedlich sind die Reaktionen darauf, dass die Vielfalt der heutigen Familienformen ernst genommen wird.

In dem Text wird nicht nur die Treue dem Partner, sondern auch den Kindern und pflegebedürftigen Familienangehörigen gegenüber betont. Ich halte das für sehr wichtig und sinnvoll!

Die Bedeutung der Kindererziehung, besonders auch die religiöse Erziehung, wird hervorgehoben.

Der Schutz des Sonntags wird als Bestandteil einer Politik der Unterstützung von Familien gesehen.

In der Orientierungshilfe wird die Entwicklung der Rechtssetzung und Rechtsprechung in der DDR und der Bundesrepublik zu Familie und Ehe dargestellt, aber auch kommentiert. Deutlich wird, dass die Kirche wichtige Defizite im staatlichen Handeln sieht.

Auch nimmt die Kirche sich selbst in die Pflicht. Zum Beispiel im Zusammenspiel von Kirche und Diakonie für die Unterstützung von Ehe und Familie.

Das Papier beschäftigt sich mit der Frage der Segenshandlungen der Kirche. Es wird klar gesagt, dass Kirche immer segnen soll, wenn Menschen das für ihre Situation wünschen. Auch dies wird von vielen kritisch gesehen. Ich wage aber zu fragen, ob der Segen Gottes wirklich an Voraussetzungen gebunden werden kann, die wir Menschen zu erbringen hätte.

Es wird kritisiert, „dass die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ völlig unkritisch als Prämisse moderner Familienpolitik übernommen wird, obwohl doch damit weiter Familienarbeit diskriminiert und Mütter überfordert werden und das Wohl des Kindes bei Weitem nicht an erster Stelle steht“. Diese Kritik halte ich zumindest insofern für berechtigt, dass in der Orientierungshilfe tatsächlich eine solche Tendenz zu erkennen ist.

Weiterhin heißt es von den Kritikern, „dass völlig einseitig die Ganztagesbetreuung der Kinder außerhalb der Familien unkritisch dargestellt und gefördert wird, bis hin zur Forderung nach Ganztagesschulen“. Ich gebe zu, dass ich selbst kein Freund von Ganztagsbetreuung und Ganztagsschule bin. Allerdings halte ich sie für absolut notwendig. Tatsächlich im Sinne von Not wendend. Leider ist unsere Welt und auch unsere Gesellschaft in Deutschland für Kinder nicht gerade optimal. Die Orientierungshilfe macht auch deutlich, dass Ganztagsbetreuung und Ganztagsschulen besonders für Kinder aus prekären Familiensituationen wichtig sind.

Ein weiterer Punkt, der sehr unterschiedlich positiv und negativ bewertet wird, ist das Bekenntnis zur Ehe von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und deren kirchliche Begleitung.

Einzelne Reaktionen

Evangelikal, Pietistisch

Der Präses des Gnadauer Gemeinschaftsverbands Dr. Michael Diener nimmt zur Orientierungshilfe Stellung. Seine Stellungnahme ist eine der wenigen kritischen, die über eine pauschale Verurteilung des Papiers hinausgeht. Er erkennt positiv an:

Kein Zweifel, dass im evangelischen Raum noch ein breites Lernfeld besteht, um Familie in ihrer Vielgestaltigkeit wahrzunehmen und im Sinne des Evangeliums, Menschen in unterschiedlichsten familiären Konstellationen wahrzunehmen und adäquat zu begleiten.

Auch Diener kritisiert, dass nach seinem Eindruck die traditionelle Ehe und Familie zu sehr abgewertet werden. Sein zentraler Kritikpunkt aber ist das Bibelverständnis der Orientierungshilfe (siehe oben).

Weitere Reaktionen aus dem evangelikalen Raum sind wesentlich weniger differenziert:

Katholische Reaktionen

Bevor ich auf die katholischen Reaktionen eingehe, möchte ich hier noch einmal feststellen, wie wichtig mir gute ökumenische Beziehungen sind! Gerade deshalb bin ich von einigen Beiträgen aus dem katholischen Bereich sehr enttäuscht. Ich hoffe, ihr verzeiht mir, wenn ich hier etwas emotional reagiere.

Vor allem ärgert mich die herablassende Arroganz mit der geredet wird. Es mag sein, dass es eine Kleinigkeit ist, aber mir als evangelischen Christen fällt es besonders auf, wenn Bischof Tebartz-van Elst sagt: „Die deutschen Bischöfe sind sehr besorgt“. Selbstverständlich meint er damit nur katholischen Bischöfe in Deutschland!

Und es fällt mir sehr auf, wenn der katholische Professor Schallenberg sagt: „Es war in den letzten Jahren immer schon spürbar, dass wir zwischen der katholischen Kirche und den evangelischen kirchlichen Gemeinschaften dann doch größere Differenzen hatten …“ Habt ihr es gemerkt? Die katholische Kirche ist Kirche! Die evangelische Kirche ist – so hat es Papst Benedikt ausgedrückt – nur eine kirchliche Gemeinschaft!

Wir diskutieren also offensichtlich in dieser Frage nicht auf gleicher Ebene! Es tut mir sehr leid, aber das ist für mich ein Ausdruck von Arroganz!

Der Limburger Bischof Tebartz van Elst sagt:

(Die Orientierungshilfe) führt im Ergebnis zu einer sehr starken Relativierung der lebenslang gelebten Treue in Ehe und Familie.

Hat Bischof Tebartz van Elst eigentlich die Orientierungshilfe gelesen oder hat er lesen lassen? Wenn er selbst gelesen hat, könnte man wohl mit Philippus fragen „Verstehst du, was du liest?“

Immerhin:

Es ist positiv zu bewerten, dass die Arbeitshilfe sieht, dass der Beitrag der Familien zu unserer Gesellschaft ausdrücklich gewürdigt werden muss und auch politisch mehr Unterstützung verdient. In diesem Anliegen sind wir beieinander.

Der katholische Prof. Schallenberg sagt:

Bei uns ist es ein Sakrament, im evangelischen Raum ist es das nicht… Wir stellen uns im Grunde auf den Boden der Heiligen Schrift und halten das für normativ und bindend in beiden Fällen… Der Vorwurf, die katholische Lehre sei lebensfremd, ist natürlich nicht einfach wegzubügeln, aber wir müssen uns deutlich machen: Christus stellt ein Ideal auf, und dieses Ideal trägt er seiner Kirche auf, in den Sakramenten zu feiern.

Genau da liegt doch schon ein Problem. Jesus hat eben kein ideal aufgestellt, das von uns allen verlangt Heilige zu werden. Jesus ist Mensch geworden, um damit zu zeigen, dass Gott eben auch in den Tiefen des menschlichen Lebens da ist. Er ist Mensch geworden und am Kreuz gestorben und auferstanden, nicht für den Heiligen, sondern für den schuldigen und scheiternden Menschen.

Ich frage mich, was da biblischer ist. Ganz davon abgesehen, dass die Siebenzahl der Sakramente biblisch nur sehr schwer zu begründen ist.

Interessant ist die Ansicht des konservativen katholischen Vatikan-Beraters Wilhelm Imkamp:

Er sei der evangelischen Kirche sogar dankbar, dass sie ihre Position so deutlich formuliere… Vieles in der Ökumene sei „Wischi-Waschi“, kritisierte Imkamp. Beide Seiten vermieden oft deutliche Worte. Mit dem Familienpapier sei das anders.

Natürlich ist er nicht der gleichen Meinung, wie die Orientierungshilfe, aber vielleicht hat er ja Recht und es ist gut, dass Unterschiede zwischen den beiden Konfessionen deutlich ausgesprochen werden.

Deutlich anders als die „offiziellen“ Verlautbarungen klingt der Artikel des katholischen Religionslehrers Volker Schnitzler auf seinem privaten Blog:

Auch zu den Worten des Familienbischofs fällt mir nur eines ein: „Die Ehe ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Ehe!“ Natürlich ist es leicht, aus einem bischöflichen Elfenbeinturm absolute Ideale einzufordern. Dabei wird es dem Einfordernden auch sicherlich gut gehen, auch er steht ja sicher auf der Seite des Guten gegen das Böse der relativierenden Welt. Nur hat das wirklich wenig mit den Lebenswirklichkeiten, mit dem Scheitern der Menschen zu tun. Wäre es doch nur so einfach…

„Wenn es doch so einfach wäre…“ – Das scheint mir den Nagel auf den Kopf zu treffen!

Weitere Reaktionen aus der katholischen Kirche:

Presse

Kommentar der pro-Redakteurin Anna Lutz

Anna Lutz kritisiert folgenden Satz aus der Orientierungshilfe als zu wenig:

In einem Traugottesdienst feiern wir mit dem Paar, mit Freunden und Familien, dass die beiden »sich getraut«, sich den gemeinsamen Weg zugetraut und ihr Leben anvertraut haben, und bitten um Gottes Segen für diese Entscheidung und die gemeinsame Zukunft – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wer lesen kann ist klar im Vorteil. Ich erwarte von einer Journalistin, dass sie lesen kann und auch verstehen will!

In dem Satz mögen sich die Theologen der Kommission vielleicht etwas vergaloppiert haben. Ich habe auch schon in Traugottesdiensten gesagt „schön, dass ihr euch getraut habt!“ Es hat aber bisher kein einziges Brautpaar gegeben, das diese Worte nicht (!) als scherzhaft verstanden hat und das nicht (!) verstanden hätte, dass das nicht das zentrale ist, was in einem Traugottesdienst zur Ehe zu sagen ist.

Auch in der Orientierungshilfe steht noch deutlich mehr, was von der Journalistin offensichtlich leider nicht mehr gelesen worden ist:

So betrachtet, ist die Trauung ein Schritt auf einem gemeinsamen Weg – mit dem Versprechen, diesem Segens- und Versöhnungshandeln Gottes auch im menschlichen Miteinander zu entsprechen.

Die kirchlichen Segenshandlungen lassen sich aus evangelischer Sicht als Ausdruck der Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade – und eben nicht aufgrund bestimmter Leistungen – verstehen. Beim Segen geht es nicht nur um die Besiegelung des erfahrenen Glücks, sondern vielmehr und wesentlich um den wirkmächtigen Zuspruch von Zukunft.

Entsprechung zum Versöhnungshandeln Gottes und wirkmächtiger Zuspruch von Zukunft – das ist deutlich mehr, als nur „sich zu trauen“!

Anscheinend ist die heutige Presselandschaft viel zu schnell um noch gründlich zu recherchieren. Auch viele andere Veröffentlichungen, wie zum Beispiel im Spiegel und in der Welt machen den Eindruck, dass die Journalisten die Orientierungshilfe gar nicht gelesen haben.

Spiegel

Das wichtigste Ergebnis vorneweg: Wer demnächst vor den Traualtar tritt, kann unbekümmert das Eheversprechen ablegen – auch wenn der Pastor sagt, es gelte, „bis dass der Tod euch scheidet“. Keine Sorge, das ist nicht länger wirklich ernst gemeint.> Jan Fleischhauer

Entschuldigung: aber wer eine Kolumne so einleitet, disqualifiziert sich selbst! Außerdem macht Jan Fleischhauer den Eindruck, er habe den Text gar nicht gelesen.

Welt.de

Reaktionen aus der Politik

Die Reaktionen aus der Politik sind sehr unterschiedlich. Hier ein paar Beispiele:

Homosexuelle und Kirche

Interessant, wenn auch nicht unerwartet, ist, dass die Orientierungshilfe von Seiten des Verbandes „Homosexuelle und Kirche“ zwar positiv aufgenommen wird, aber noch nicht weit genug geht. So wird zum Beispiel die Gleichstellung der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der kirchlichen Trauung gefordert. Kritisiert wird, dass einige Landeskirchen gleichgeschlechtliche Paare in Pfarrhäusern nur aufgrund von Einzelfallentscheidungen zulassen.

Muslime

Bei einem Treffen Evangelischer Kirche und Muslimen wurde unter anderem auch die Orientierungshilfe angesprochen. Dabei zeigte sich, dass es hier deutlich unterschiedliche Meinungen gab.

Karikatur

Es wurde auch eine Karikatur zu der Orientierungshilfe veröffentlicht. Allerdings – trotz aller künstlerischen Freiheit – ist das Niveau, naja, zumindest zweifelhaft.

Weitere Beiträge

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EKHN und die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare

Diese Links beziehen sich nicht ausdrücklich auf die Orientierungshilfe. Allerdings geht es um ein wichtiges Thema des Papiers: der Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare, auch in der Kirche. Wer sich darüber informieren will, wie die evangelische Kirche in Hessen und Nassau damit umgeht, wird hier fündig.

Fazit

Arme EKD: Wie man’s macht, macht man’s verkehrt!

Ich möchte noch einmal betonen, dass ich auch nicht mit allem einverstanden bin, was die Orientierungshilfe sagt. Sie ist aber nach meiner Meinung eine sehr gute Grundlage für eine weitere Diskussion. Es wäre aber wichtig, dass sich das Gespräch deutlich versachlicht und das Papier als Ganzes wahrnimmt und auf die Argumente und Vorschläge detailliert eingeht. Eine pauschale Verurteilung – auch noch einzelner Sätze, die aus dem Zusammenhang gerissen werden, oder gar eines „Eindrucks“, den manche beim Lesen hatten – ist jedenfalls nicht zielführend!

Mein Vorschlag:
Lest nicht nur die Artikel, die ich hier verlinkt habe, sondern lest vor allem die Orientierungshilfe selbst.

Hier noch mal der Downloadlink:
„Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“

Wer lieber auf Papier liest, kann die Orientierungshilfe auch als Buch bekommen:

Lechajim – für das Leben!
Mit herzlichen Grüßen und bleibt von Gott behütet!
Uwe

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