Gefüllte Lebenszeit

Wie füllen wir unsere Lebenszeit? Wie erleben wir die Zeit unseres Lebens? Fliegt sie nur so dahin oder gibt es Langeweile? Ist sie intensiv oder oberflächlich? Leben wir bewusst oder läuft alles einfach irgendwie?

Es passiert so vieles in unserem Leben, Gutes, Schönes, Schwieriges, Trauriges. Alles hat seine Zeit. Alles gehört zum Leben. In der Bibel heißt es: Geboren werden hat seine Zeit und Sterben hat seine Zeit. Dazwischen liegt unsere Lebenszeit. Alles dazwischen hat seine Zeit…

Doch macht es nicht einen Unterschied, wie wir unsere Lebenszeit füllen und wie wir sie erleben?

Kairos und Chronos

In der griechischen Sprache, in der das Neue Testament der Bibel geschrieben ist, gibt es zwei verschiedene Worte für Zeit: Kairos und Chronos. Das Wort Chronos kennen wir aus verschiedenen Fremdworten im Deutschen, z.B. Chronologie.

Was aber ist zwischen Chronos und Kairos der Unterschied? Ganz einfach gesagt, bezeichnet Chronos einen Zeitverlauf und Kairos ist ein Zeitpunkt. Wenn die Zeit vergeht oder das Leben „seinen Lauf“ nimmt, dann ist es Chronos. Wenn es einen besonderen Moment gibt oder hier und jetzt etwas Einmaliges geschieht, dann ist es Kairos.

Für mich ist diese Unterscheidung immer sehr hilfreich gewesen, um Geschehnisse in meinem Leben zu bewerten. Sie kann helfen, das Besondere in der Lebenszeit zu entdecken.

Kairos-Momente

Der Moment, in dem ein alter Pfarrer zu mir sagte: „Junger Mann, solche Menschen wie Sie brauchen wir in der Kirche. Denken Sie mal darüber nach, Pfarrer zu werden!“ Ich war gerade einmal 17 Jahre alt – und wurde schließlich evangelischer Pfarrer.

Ein Kairos-Moment für mich.

Der Moment, in dem ich mit meiner Mutter am Krankenbett meines Vaters stand und er seinen letzten Atemzug tat. Ein unglaublich schwerer und trauriger Moment. Und doch ein Augenblick, in dem sich etwas Entscheidendes in meinem Leben veränderte. Deshalb auch das…

…ein Kairos-Moment für mich.

Die drei Momente, in denen meine Kinder zur Welt kamen und ich sie zum ersten Mal im Arm halten konnte. Ein unbeschreibliches Glück! Jedes Mal…

…ein Kairos-Moment für mich.

Der Moment, als ich in der evangelischen Kirche in Rennerod zum Pfarrer ordiniert wurde. Ein Schritt, auf den ich mich jahrelang vorbereitet hatte und den ich herbeisehnte.

Ein Kairos-Moment für mich.

Der Moment, in dem mir klar wurde, dass 25 Jahre Ehe vorbei waren und es keinen Weg zurück gibt. Ich gebe zu: Ein Gefühl der Erleichterung, aber doch auch großen Bedauerns. In jedem Fall…

…ein Kairos-Moment für mich.

Der Moment, in dem ich mich endgültig entschieden habe, nicht mehr als Pfarrer zu arbeiten und auch beruflich ganz neu anzufangen. (Ich werde immer wieder nach den Gründen gefragt… Dazu werde ich später mal einen Artikel schreiben.)

Ein Kairos-Moment für mich.

Große und kleine Momente

Es sind nicht immer nur diese großen, lebensentscheidenden Momente in unserer Lebenszeit. Viel öfter sind es gerade die kleinen Dinge mitten im Alltag, die unsere Leben reich und erfüllt sein lassen.

  • Ein wunderschöner Sonnenuntergang
  • Der Genuss eines guten Essens
  • Ein Glas Wein mit Freunden am Abend
  • Ein Lächeln im Vorübergehen
  • Ein liebevoller Kuss
  • Der Duft einer Blüte
  • Der erste Schnee des Winters
  • Ein warmer Sonnenstrahl

All das können Kairos-Momente für uns sein.

Achtsam sein

Die Zeit vergeht – Chronos. Auch die Lebenszeit vergeht. Auch meine (und Deine) Lebenszeit vergeht. Nur sollten wir nie vergessen, dass es erst zu Ende ist, wenn es zu Ende ist. Was ist das wirklich Wichtige in dieser Lebenszeit? Es ist nicht die vergehende Zeit, die manchmal schleicht und manchmal eilt. Es sind Momente! Es sind Augenblicke! Es ist der Kairos, der zählt! Solche Kairos-Momente gibt es immer wieder, in Kindheit und Jugend, im Erwachsenenalter, aber auch im hohen Alter.

Ein Problem könnte höchstens sein, dass wir diese Momente viel zu oft übersehen in der fortschreitenden Zeit des Alltags. Der Alltag und seine Probleme haben die Tendenz, alles Besondere zu überdecken.

Deshalb mein wichtigster Tipp: Sei achtsam! Halt die Augen auf und schau nach den besonderen Momenten. Denk darüber nach, was diese Momente in Deinem bisherigen Leben waren. Und gib die Hoffnung nie auf, dass es auch in Zukunft immer wieder diese besonderen Kairos-Momente geben wird.

Was sind oder waren Deine Kairos-Momente? Was hat Deine Lebenszeit gefüllt und besonders gemacht?

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe