Unterwegs sein

Pilgern heißt unterwegs sein. Es ist ein Sinnbild für unser Leben. Zurzeit ist einer meiner Leser unterwegs auf dem Jakobsweg in Spanien. Ich gebe zu, dass ich ein wenig neidisch bin. Ich hatte vor einigen Jahren schon einmal den gleichen Plan. Durch meine Erkrankung ist es leider bis heute nicht dazu gekommen.

Mein Leser H. lässt mich an seiner Pilgerschaft teilhaben, indem er sein Bildertagebuch mit mir teilt. Das ist wunderbar – vielen Dank, lieber H. Er hat seinen camino (so nennt man das Unterwegs-sein auf dem Jakobsweg) begonnen mit einem Segen in einem Gottesdienst, in dem er selbst die Predigt gehalten hat.

Mich hat er damit an einige Dinge erinnert, die für mich schon sehr lange sehr wichtig sind:

  1. Glauben heißt, unterwegs sein.
  2. Leben heißt, unterwegs sein.
  3. Das Leben selbst ist der Glaube.

Glauben heißt, unterwegs sein

H. macht in seiner Predigt darauf aufmerksam, dass die Geschichte des Glaubens in der Bibel schon immer eine Weg-Geschichte war. Das Volk Israel war unterwegs in der Wüste. Jesus war unterwegs im Land, bis er schließlich in Jerusalem ankam. Die Geschichte der ersten Christen ist eine einzige Reise – z.B. die Reisen des Apostels Paulus.

Wer pilgert, erlebt dieses spirituelle Unterwegssein ganz praktisch. Es macht etwas mit einem Menschen, wenn er geht, reist, wandert. Jeder von uns kann es auch im Alltag erleben, wenn er/sie das Herz dafür öffnet. Der Weg zur Arbeit, die Fahrt in den Urlaub, ein Umzug… Machen wir doch tagtäglich mal die Augen auf und nehmen wahr, was auf unseren Lebenswegen tiefer geht, als das materielle Dasein.

Leben heißt, unterwegs sein

In diesem Sinn sind das konkrete Gehen und Fahren ein Sinnbild für unser ganzes Leben. Es gibt Lebensabschnitte, die wir hinter uns gebracht haben, und wir machen uns auf den Weg in einen neuen Lebensabschnitt. Dabei denke ich natürlich auch an die „großen“ Phasen des Lebens – Kindheit und Jugend, Erwachsen werden, Aufbau des Lebens, einer Familie, eines Berufs, selbst Vater, Mutter werden, die Welt mitgestalten, älter werden und schließlich alt zu sein.

Es geht mir auch um die kleinen Aufbrüche mitten im Leben. Kann es nicht immer wieder dazu kommen, dass wir neue Wege gehen. Eine Gewohnheit ändern ist doch schon so ein neuer Abschnitt. Einen neuen Menschen kennenlernen… Die Kinder gehen aus dem Haus und werden selbständig… Den Arbeitsplatz wechseln…

Ich erlebe gerade einen solchen Aufbruch ganz persönlich mit neuer Partnerschaft, Umzug, neue Arbeit… Ja, ich spüre, dass Leben heißt, unterwegs zu sein. Und das ist gut so.

Das Leben selbst ist der Glaube

Natürlich kennen wir solche Situationen alle. Das ist doch völlig normal. Was hat das mit Glauben oder Spiritualität zu tun? Hier hat mir wieder mein Leser H. geholfen. Er schrieb in seiner Predigt folgende Worte:

„Glaube ist das gelebte Leben. Das Leben selbst ist der Glaube. Gar nicht so sehr die gesprochenen Bekenntnisse. Sondern „Schritte wagen im Vertraun“, wie Abraham es tat.
In dem, was wir sind, was wir wagen, was wir tun, was wir sagen, darin vollzieht sich der Glaube.“

Das ist in Kürze gesagt, was ich hier auf meinem Blog versuche. Ich möchte Dir ein Gespür für die tiefere Dimension unseres Lebens geben. Spiritualität ist in nahezu allen Vollzügen des Lebens zu finden. Ja, in diesem Sinne ist „das Leben selbst der Glaube“.

Es geht mir nicht um die Ewigkeit und „das Transzendente“, es geht mir nicht um das Jenseits oder Esoterik. Es geht mir um die Bodenhaftung des Glaubens. Glaube ist gelebtes Leben und Leben selbst ist Glaube. Ja, das ist es… Noch einmal herzlichen Dank, lieber H., und noch alles Gute und Gottes Segen für die letzten Kilometer bis Santiago de Compostela.

Ich habe auch einmal in einer Weihnachtspredigt über 2. Samuel 7, 4-6.12-14a über Gottes Unterwegssein geschrieben.

Im Leben unterwegs sein

Gerade, wenn wir schwierige Zeiten erleben, haben wir das Gefühl, dass alles stehenbleibt, die Zeit, wir selbst, das Leben. Wenn es uns gut geht, dann meinen wir, wir müssten die Zeit anhalten, damit es immer so bleibt. Wir wissen aber tief in uns, dass das nicht geht und auch nicht richtig ist. Selbst wenn wir äußerlich nicht voran kommen, wir müssen im Inneren beweglich bleiben, damit das Leben weitergeht.

Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Franz Kafka

Hab den Mut dazu! Hab den Mut, neu anzufangen, Neues zu wagen. Hab den Mut, Neues zu lernen, andere kennenzulernen. Hab den Mut, wenn nötig, Dein Leben auch auf den Kopf zu stellen. Hab den Mut neu zu denken.

Hab den Mut immer weiter unterwegs zu sein!

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe