Predigt Römer 14, 7-9 von Pfr. Uwe Hermann gehalten am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres 2016

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres

Predigtreihe 2

Predigttext Römer 14, 7-9

Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Predigttext bei die-bibel.de

Predigt Römer 14, 7-9

Liebe Gemeinde!

Diese Verse werden oft bei Beerdigungen gesprochen. Es scheint eine ganz besondere Kraft von ihnen auszugehen. Vielen Menschen geben sie Trost, wenn sie vor dem Sarg oder der Urne eines geliebten Menschen stehen. Ich glaube, das hat etwas mit der Blickrichtung zu tun, die Paulus uns hier zeigt. Gerade angesichts des Todes helfen sie dabei, die Perspektive zu wechseln:

Der Blick geht von Sarg und Grab hin zu einer Hoffnung, die weit größer ist, als unser endliches Leben. Der Blick geht von unten nach oben, in die Zukunft, zum Himmel.

Schauen wir uns aber den Zusammenhang des Predigttextes einmal genauer an, dann fällt auf, dass es dabei ursprünglich gar nicht um Tod oder ewiges Leben ging. Es ging vielmehr um eine ganz weltliche, das alltägliche Leben betreffende Sache.

In der Gemeinde in Rom, an die der Text gerichtet war, gab es Streit. Es ging darum, was man als Christ essen darf und welche besonderen Feiertage es geben sollte. Das scheint uns heute vielleicht seltsam, aber damals war es ein wichtiges Thema. Es gab für die Judenchristen besondere Vorschriften für reines Essen. Manche Christen wollten sich daran halten, andere meinten, durch den Glauben an Jesus seien diese Vorschriften abgeschafft. So gab es mächtig Streit in der Gemeinde.

Paulus ermahnt die Streithähne in seinem Brief deshalb zu einem Perspektivwechsel.

Vom Streitgegenstand hin zu Gott. Sie sollten nicht mehr darauf schauen, was für Meinungen und Vorstellungen man hat, wer Recht hat oder Unrecht. Sie sollten sich nicht mehr gegenseitig für falsch halten, auch nicht für falsch-gläubig. Sie sollten stattdessen auf Gott schauen, an den sie alle glaubten.

Der Predigttext will genau diesen Perspektivwechsel auch in uns hervorrufen. Schaut nicht auf Meinungen und Einstellungen, sondern schaut gemeinsam auf Gott.

Ich habe mich gefragt, was es eigentlich heißt, wenn wir uns selbst leben und sterben. Das ist ja schon eine etwas seltsame Ausdrucksweise, nicht so ganz alltäglich.

Sich selber leben – was heißt das? Ist damit Egoismus gemeint? Oder unabhängig von anderen zu sein? Geht das überhaupt? Wir können doch gar nicht ohne andere Leben, ohne Familie, Partner, Freunde… ohne andere Menschen. Und wenn es der Verkäufer ist, der uns die Lebensmittel die wir brauchen, verkauft. Wir leben nicht uns selbst: Der Mensch ist eben ein soziales Wesen. Wir sind darauf angewiesen, mit anderen zusammenzuleben.

Was heißt denn dann in diesem Zusammenhang Perspektivwechsel?

Es heißt doch wohl, nicht immer nur auf sich selbst zu schauen, sondern im Leben auch unerwartetes zu sehen. Es gibt im Leben immer wieder neue Anfänge, neue Freundschaften, neue Beziehungen, neue Träume, Aufbrüche, Genesung von Krankheit, neue Einstellungen und Meinungen…

Jeder und jede entwickelt sich doch weiter im Laufe des Lebens.

Sich selber sterben – was heißt das? Heißt das, dass wir letztlich doch allein, einsam, verlassen sterben, dass alle Mühe und Arbeit doch vergeblich ist? Am Ende steht wohl eben doch die Frage: Was bleibt? Und was kommt nach dem Sterben? Ist da das Nichts?

Was heißt denn dann in diesem Zusammenhang Perspektivwechsel:

Es heißt doch wohl, dass Sterben nicht nur das Ende des Lebens meint. Es gibt auch ein Sterben mitten im Leben, Angesichts des Todes von nahen Menschen, Krankheit, Einschränkungen, Verletzungen und Wunden, auch der sogenannte „kleine Tod“, Abschiede, Ende von Träumen, Lebensabschnitten…

Auch diese Dinge erfahren wir doch immer auch mitten in unserem Leben.

Paulus kennt das alles auch. Er macht dann aber auch klar, wir leben nicht uns selbst und sterben nicht uns selbst, sondern wir gehören zu Gott.

Das ist der eine große Perspektivwechsel: Schau nicht immer nur auf dich selbst und deinen Vorteil oder auch dein Leiden – es gibt etwas darüber hinaus.

Kriegen wir das hin? Den Blick auf Gott und sein Geschenk an uns? Das Geschenk gelingenden Lebens und friedvollen Sterbens.

Paulus nennt das, „dem Herrn leben und dem Herrn sterben“. Entschuldigung, dass ich jetzt etwas in die Grammatik gehe. „Dem Herrn“ ist ein Dativ. Der Dativ drückt im Deutschen meist eine Beziehung aus. Wozu etwas oder jemand gehört.

Paulus sagt damit: Zuallererst gilt, dass du zu Gott gehörst.

Aber – und das ist der nächste Perspektivwechsel – die Beziehung zu Gott befreit uns doch auch von den Ansprüchen, die andere Menschen an uns haben und auch von unseren eigenen Ansprüchen an uns selbst.

Ein Mensch gehört zu Gott – das heißt auch, andere haben keinen Anspruch auf ihn. Ich bin allein Gott verantwortlich, nicht den Ansprüchen, die andere oder gar ich selbst an mich stelle.

Wieder anders herum baut das auch eine Brücke zwischen den Menschen, auch über Streit und unterschiedliche Meinungen hinweg. Es entsteht eine Gemeinschaft, die durch unterschiedliche Anschauungen nicht getrennt werden darf, weil sie nicht in Meinungen, sondern durch Gott begründet wird.

Im Blick auf Gott können also die römischen Christen ihren Streit überwinden. Im Blick auf Gott können auch wir aufeinander offen zugehen, egal wie unterschiedlich wir sind oder denken oder glauben.

Letztlich gilt, dass Leben und Sterben seinen Sinn in sich selbst hat, weil es geschenkt ist, von Gott, weil Gott uns annimmt, wie wir sind.

Es geht nicht um richtige oder falsche Meinungen – auch wenn es uns in Glaubensdingen manchmal schwerfällt, den anderen stehen zu lassen.

Es geht nicht darum die Ansprüche anderer oder meinen eigenen zu genügen.

Es geht nicht darum, was wir im Leben geleistet oder vollbracht oder erwirtschaftet haben.

Es geht allein um die Verbindung zu Gott – um diesen Perspektivwechsel. Im Blick auf ihn erkennen wir: Es ist alles Gnade, es ist alles Geschenk. Mein ganzes Leben und Sterben, mit allem was dazu gehört, mit Freud und Leid ist geborgen in Gottes Liebe.

Amen.

 

Pfr. Uwe Hermann

Es gilt das gesprochene Wort. Predigt gehalten am 06.11.2016 in Sechshelden.

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe