Die Mitte unseres christlichen Glaubens ist Jesus Christus, das eine Wort Gottes. Ihn bezeugt die Bibel als das geschriebene Wort Gottes. Für uns heute wird er nur zugänglich in dem verkündigten Wort Gottes, das durch den Heiligen Geist lebendig wird.

Mit diesen drei Sätzen möchte ich kurz zusammenfassen, um was es mir vor allem in diesem Artikel geht. Ausgelöst wurde dieser Beitrag durch die Diskussion über die Bibel und die Frage, wie wir heute die Bibel lesen und verstehen können, die in den letzten Wochen die „christliche Netzgemeinde“ bewegt hat. Zu dieser Diskussion hat auch das neue Buch von Prof. Klaus Berger „Die Bibelfälscher: Wie wir um die Wahrheit betrogen werden“ beigetragen.

In einem weiteren Artikel habe ich einige Links dazu zusammengestellt: Netzrundblick: Die Bibel verstehen.

Was ist „Gottes Wort“?

Ich möchte diese Frage – vorläufig – mit einem Zitat beantworten, das mir schon seit Jahrzehnten sehr wichtig ist. Es ist die erste These aus der Barmer Theologischen Erklärung von 1934, die grundlegenden theologischen Aussagen der Bekennenden Kirche gegenüber dem Nationalsozialismus.

Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.

Natürlich ist das noch nicht alles, was über das Wort Gottes gesagt werden kann. Aber es ist das grundlegende, fundamentale! Dass ich dies so ausdrücklich an den Anfang dieses Artikels stelle, hat natürlich für mich eine große Bedeutung. Ich sage es mal etwas provokativ (und bitte darum, auf jeden Fall weiterzulesen!): Ich möchte damit klar machen, dass für mich nicht die Bibel die Grundlage meines Glaubens und Lebens ist!

Das Fundament meines Glaubens und Lebens ist allein Jesus Christus.

Um die Zusammenhänge aber etwas deutlicher zu machen, richte ich mich nach einer Unterscheidung, die auf Karl Barth zurück geht, und möchte in diesem Beitrag daran entlang gehen.

1. das offenbarte Wort Gottes
2. das geschriebene Wort Gottes
3. das verkündigte Wort Gottes

1. Das offenbarte Wort Gottes

Dieses offenbarte Wort Gottes ist Jesus Christus, das nach Johannes 1 „Fleisch gewordene Wort Gottes“.

Ich mache mal einen kleinen – zugegebenermaßen nicht ganz fairen – Versuch, der aber hoffentlich zum Ausdruck bringt, was mir hier wichtig ist. Lest mal folgende beiden Texte:

Hier der erste Versuch:

1 Im Anfang war die Bibel, und die Bibel war bei Gott, und Gott war die Bibel. 2 Die Bibel war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch die Bibel gemacht, und ohne die Bibel ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In der Bibel war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Und nun der zweite, etwas abgewandelte:

1 Im Anfang war Jesus Christus, und Jesus war bei Gott, und Gott war Jesus Christus. 2 Jesus Christus war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch Jesus gemacht, und ohne Jesus ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In Jesus Christus war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Es ist wohl etwas plakativ, aber es ist hoffentlich zu spüren, warum ich mich eindeutig für die zweite Variante entscheide!

Ich bleibe dabei: Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.

Und so ist auch zu verstehen, warum Martin Luther auch für das Lesen und das Verständnis der Bibel Jesus Christus in den Mittelpunkt stellt. Jesus Christus ist die Mitte der Schrift. Daran hat sich auch alles Verständnis der Bibel heute zu orientieren. Die zentrale Frage Luthers für das Bibellesen war: „Was Christum treibet.“ Also alles, was mich beim Bibelstudium, im Theologiestudium, in der persönlichen Andacht, im Gottesdienst usw. auf Jesus und sein Heilswerk für uns hinweist, das ist „Wort Gottes“.

2. Das geschriebene Wort Gottes

Das geschriebene Wort Gottes allerdings, das ist die Bibel. Sie ist in diesem Sinne aber in einer abgeleiteten Weise Wort Gottes. Sie gibt Zeugnis von dem einen Wort Gottes, Jesus Christus.

Die Autorität der Heiligen Schrift

Die Bibel ist nicht Gottes Wort aus eigener Autorität, nicht weil sie „verbalinspiriert“ ist, nicht weil sie historisch exakt ist oder wie auch immer man es ausdrücken will.

Von mir aus können Beweise gefunden werden dafür, dass die Sintflut wirklich stattgefunden hat, alle Tiere in die Arche passten, Maria wirklich Jungfrau war, Jesus Wunder wirkte. Na gut, dann freu ich mich darüber! Wirklich!

Aber ändert das etwas an meinem Glauben an Jesus Christus? Oder kann ein solcher wissenschaftlicher, historischer, weltlicher Beweis Glauben bewirken? Nein! Ohne den Heiligen Geist gibt es auch mit solchen Beweisen keinen Glauben. Andererseits kann es aber auch ohne solche Beweise durch den Heiligen Geist Glauben geben!

Brauche ich eine wissenschaftliche Methode um die Bibel zu verstehen? Das kommt darauf an, was ich unter verstehen verstehe. Geht es um Details, historische Zusammenhänge, Entwicklungen, usw. dann wohl schon. Geht es aber allein um den Glauben an Jesus Christus, dann nicht. Nein! Niemals! Keine menschliche Bemühung kann Glauben bewirken, allein der Geist Gottes.

Die Autorität der Heiligen Schrift kommt ausschließlich aus dem einen fleischgewordenen Wort Gottes Jesus Christus!

Solus Christus – allein Jesus Christus

Woher weiß ich eigentlich, dass ich glaube? Kann ich das anderen beweisen, indem ich die richtigen Glaubenssätze ausspreche? Ist jemand dann „richtig gläubig“, wenn er Homosexualität verdammt, oder etwa nur dann, wenn er gleichgeschlechtliche Liebe als nicht gegen den Willen Gottes anerkennt?

Ist jemand nur dann „richtig gläubig“, wenn er an die Historizität der Jungfrauengeburt glaubt?

Ist jemand nur dann „richtig gläubig“, wenn er die Bibel als wörtlich von Gott inspiriert ansieht?

Ich könnte diese Fragereihe beliebig fortsetzen.

Die Antwort auf alle möglichen Fragen in dieser Reihe ist aber immer und ausnahmslos: Nein!

Das einzige Kriterium (ich benutze dieses Wort hier ganz bewusst!) ist: Glaube ich an Jesus Christus? Ja oder nein?

Satis est! Das genügt!

Alles andere ist zweitrangig. Damit sage ich nicht, dass alles andere egal ist! Das will ich hier mal deutlich sagen, sonst hagelt es wahrscheinlich Kritik. Aber über dieses „alles andere“ haben wir, die wir an Christus glauben, zu forschen, zu reden, zu diskutieren … Immer unter dem Kriterium „Was Christum treibet“. Und immer unter der Voraussetzung, dass wir Brüder und Schwestern im Glauben sind! Und warum sind wir das? Nicht weil wir einer Meinung sind oder uns so sehr mögen. Wir sind Brüder und Schwestern, weil wir an Jesus glauben!

Satis est! Das genügt!

Was Christum treibet

Unter dieser Voraussetzung war für mich das Theologiestudium kein Glauben zersetzendes Ding. Im Gegenteil! Glaube und Wissenschaft habe ich so nie als Widerspruch empfunden. Für das wissenschaftliche Arbeiten – auch mit der historisch-kritischen Methode und anderen wissenschaftlichen Methoden in der Theologie – kommt es vor allem darauf an, dass man sich seiner eigenen Voraussetzungen bewusst ist. Es geht darum, redlich damit umzugehen, nicht sie zu verleugnen. Dann kann ich auch mit einer „Glaubensvoraussetzung“ an wissenschaftliches Arbeiten an der Bibel herangehen.

Meine „Glaubensvoraussetzung“ (um nicht das „böse“ Wort Dogma zu benutzen) ist bei der Beschäftigung mit der Bibel immer „was Christum treibet“. Ob beim wissenschaftlichen Arbeiten, bei der Vorbereitung von Andachten und Predigten oder bei der persönlichen Meditation der Bibel.

3. Das verkündigte Wort Gottes

Die Ausgangsfrage war ja, wie wir heute die Bibel verstehen können. Können wir das voraussetzungslos? Brauchen wir Methoden? Wie kommt das Wort Gottes zu mir?

Diese letzte Frage ist gerade der Knackpunkt! Was nützt es, dass Jesus Mensch geworden ist? Was nützt es, dass er am Kreuz gestorben und am Ostermorgen auferstanden ist? Was nützt es, wissenschaftlich zu beweisen, dass das wirklich so passiert ist – oder auch das Gegenteil? Was nützt das alles, wenn es mich nichts angeht?

Gottes Wort ist immer Wort Gottes an mich, an uns. Es gilt mir persönlich. Es geschieht für mich.

So kommt also Jesus Christus, das grundlegende eine Wort Gottes, bezeugt durch die Bibel, das schriftgewordene Wort Gottes, in der „lebendigen Stimme des Evangeliums“ zu mir. Ja, zu mir ganz persönlich. Und zu dir, zu uns, zu euch, zu den Menschen.

Paulus schreibt (in der pointierten Übersetzung Martin Luthers): So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi. Dabei bedeutet Predigt nicht nur die Predigt sonntags im Gottesdienst, auch Andachten, vielleicht sogar solche Artikel im Internet und auch – vielleicht vor allem – das persönliche Zeugnis von Mensch zu Mensch. Das ist die viva vox evangelii, die lebendige Stimme des Evangeliums. Durch diese Stimme wirkt der Heilige Geist heute das „Wort Gottes für mich“. So wirkt er Verstehen der Heilige Schrift!

Übrigens war für mich bisher gerade dieser Gedanke viel mehr eine Anfechtung, als die historisch-kritische Methode oder andere Dinge des Theologiestudiums. Sollte ich als Mensch (und Pfarrer) mit all meinen Fehlern und Schwächen das Wort Gottes in diesem Sinne verkündigen können? Ist das nicht ein viel zu hoher Anspruch? Das meine Worte tatsächlich durch den Heiligen Geist für andere Menschen zur lebendigen Stimme des Evangeliums von Jesus Christus werden können. Puh! Das ist schon deftig. Aber es hilft nicht:

Satis est! Das genügt!

Nicht ich bin es, Gott selbst tut es! So hat schon Martin Luther gepredigt:

Summa summarum: predigen will ichs, sagen will ichs, schreiben will ichs. Aber zwingen, mit Gewalt dringen will ich niemand, denn der Glaube will willig, ungenötigt angenommen werden. … Ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst habe ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wittenbergisch Bier mit meinem Philipp (Melanchthon) und Amsdorff getrunken habe, so viel getan.

So, ich geh jetzt ein Bier trinken J.

Satis est! Das genügt!

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe