Heute habe ich eine kleine Geschichte für Dich: Der Bulle und die Schnecke – oder genauer: Der Bulle, der auf einer Schnecke ritt!

Der Bulle schnaubte. Was war das? Er horchte und sah sich um. Da – wieder meinte er etwas zu hören. Der Bulle wurde ganz still und horchte. „Hey du!“ vernahm er ganz leise. Da sah er die Schnecke vor sich auf der Wiese.

Wieder schnaubte der Bulle. „Was willst du, kleiner Wicht?“ Die Schnecke antwortete: „Oh, ihr Bullen, ihr müsst ja immer mit dem Kopf durch die Wand. Du bist genauso, wie dein Freund, der Ochse, der immer vorm Berg steht.“

„Ja, ja, schon klar.“, grummelte der Bulle, „Ihr Schnecken seid ja Blitzmerker und wisst über alles Bescheid.“

Das leise Stimmchen erwiderte: „Alles nicht gerade, aber ich will dir gerne die zwei wichtigsten Dinge erklären, die ich auf meinen zwar nicht weiten, aber langen Wanderungen erfahren habe.
Weißt du, was ich mache, wenn ich vor einem Berg stehe? Der Ochse sieht keinen direkten Weg, ihm kommt der Berg unüberwindlich vor und deshalb bleibt er verzweifelt davor stehen. Ich mach das anders. Ich fang einfach an, über den Berg zu kriechen. Ein Zentimeter nach dem anderen.“

„Ganz schön mühsam,“ meinte der Bulle nachdenklich, „und was ist das Zweite?“

„Ich habe Hunger. Da drüben ist Salat.“, war die Antwort der Schnecke. „Na, toll,“ dachte der Bulle, schnaubte noch einmal kräftig und die Schnecke kullerte in ihrem Schneckenhaus aus direkt vor den Salat. Das ging aber schnell und dann knabberte sie in aller Ruhe an dem Salat. Wohl oder übel musste der Bulle sich in Geduld üben.

Nach einiger Zeit fragte er: „Was ist denn jetzt mit dem zweiten Ding, das du mir erklären wolltest?“

„Das zeige ich dir, wenn du auf mir reitest.“

„Ha, ha, wie soll ich denn auf dir reiten?“ Laut lachend sagte der Bulle: „Wenn ich auch nur eine Klaue auf dein Haus setze, macht es knack und das war’s mit dir!“

„Ach, du Bulle, du bist so stark und weißt so viel, aber die kleinen Dinge kennst du nicht. Beug mal deinen Kopf nach unten und schau mich an!“

Verwundert schaute er die Schnecke von oben herab an. „Was soll das denn? Na gut!“

Der Bulle beugte seinen Kopf immer weiter nach unten. Als sein Kopf nur noch wenige Zentimeter von der Schnecke entfernt war, erschien sie ihm immer größer und größer und der Berg in der Ferne schien immer kleiner zu werden.

„Na, merkst du was?“, fragte die Schnecke. „Noch ein klein bisschen weiter und du kannst auf mir reiten.“

Und tatsächlich, plötzlich war die Schnecke so groß, dass der Bulle einfach auf sie steigen konnte. Und los ging‘s. Naja, natürlich im Schneckentempo.
Zuerst war der Bulle noch etwas ungeduldig, aber mit der Zeit sah er die Blumen in der Wiese, die Käfer und die Schmetterlinge. Er konnte nicht nur die Ameisen bemerken, die Schnecke kroch so langsam, dass er in aller Ruhe beobachten konnte, wie sie die Blattläuse melkten und die Blattlausmilch zu ihrem Ameisenhaufen brachten.

Auch zum Nachdenken kam der Bulle jetzt endlich einmal. Die Schnecke hatte ja Recht! Er wusste es schon immer, aber er hielt sich eben nicht immer daran. Es gab natürlich zwei wichtige Lebensregeln: Ein Schritt nach dem anderen kommst du ans Ziel auch über den höchsten Berg! Und: Schau genau hin, dann siehst du mehr, nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint!

Schließlich kamen sie am Berg an, vor dem immer noch der Ochse stand. Der Bulle stieg vom Schneckenhaus herunter und hob wieder den Kopf. Dann stand er riesengroß vor der kleinen Schnecke.

„Hey, Schnecke, was machst du jetzt?“, fragte er.

„Ist doch klar! Ich krieche jetzt über den Berg! Geh zu deinem Freund, dem Ochsen. Tief in seinem Herzen weiß er ja auch Bescheid. Macht euch einfach gemeinsam auf den Weg über den Berg und vergesst nicht, euch Zeit zu nehmen um genau hinzuschauen. Es lohnt sich! Diese Welt ist einfach großartig!“

So machte sich die Schnecke im Schneckentempo fröhlich auf den Weg, den großen und hohen Berg zu überkriechen. Verwundert stand der Bulle noch lange Zeit da und schaute ihr nach. Dann machte auch er sich auf den Weg.

Schritt für Schritt zu seinem Freund, dem Ochsen, und aufmerksam um sich blickend.

Das ist es!
1. Ein Schritt nach dem anderen kommst Du ans Ziel!
2. Schau genau hin!

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe