Gottesdienst im Osten

Im Gottesdienst am Weihnachtsmorgen wurde das Weihnachtsoratorium in Meiningen aufgeführt. Es war für mich schon sehr spannend – mein erstes Weihnachtsfest als Wessiwäller im Osten. Gestern besuchte ich die Christvesper in der Meininger Stadtkirche. Es war ein sehr schöner Gottesdienst, der von der Kantorei und dem Posaunenchor würdig mitgestaltet wurde.

Wessis und Ossis haben heute noch so manche Vorurteile übereinander. Eines davon im Westen dürfte wohl sein, dass die Kirchen im Osten nichts zu lachen haben. All denen kann ich sagen: die etwa eintausend Plätze der Meininger Stadtkirche waren in diesem Gottesdienst alle besetzt.

Heute, am ersten Weihnachtstag 2017, war ich wieder hier im Gottesdienst. Auch diesmal war die Kirche zumindest gut gefüllt. Natürlich lag das unter anderem auch daran, dass im Gottesdienst der erste Teil des Weihnachtsoratoriums von Bach aufgeführt wurde. Regionalbischöfin Kühnbaum-Schmidt meinte denn auch in ihrer Begrüßung, dass die Besucher, die sich in einer Kirche nicht so zuhause fühlen, sich einfach wie willkommene Gäste, freundlich und wohlwollend, verhalten sollten.

Weihnachtsoratorium in Meiningen

Der Gottesdienst insgesamt war ein wunderschöner, traditioneller, lutherischer Gottesdienst mit Abendmahl. Die Texte, Gebete, Predigt, die Wechselgesänge und Lieder – alles harmonisch und passend. Ich habe mich hier direkt heimisch und willkommen gefühlt. So ein richtig fröhlich wohliges Weihnachtsgefühl stellte sich ein.

Der Höhepunkt dieses Gottesdienstes war aber unbestreitbar die Aufführung des Weihnachtsoratoriums BWV 148, 1. Teil von Johann Sebastian Bach. Die Leitung hatte Kantor Sebastian Fuhrmann. Ausführende waren:

  • Marjan Dijkhuizen – Alt
  • Benjamin Rehle – Tenor
  • Sang-Seon Won – Bass
  • Meininger Kantorei
  • Meininger Residenzorchester.

Ich bin leider kein musikalischer Fachmann. Wer mehr über das Weihnachtsoratorium wissen will, kann sich zum Beispiel auf wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsoratorium_(Bach) erkundigen.

Außergewöhnlich ist jedenfalls, dass die Meininger Kantorei und die anderen Musiker das Weihnachtsoratorium im liturgischen Zusammenhang präsentierten. Dies entspricht dem ursprünglichen Anliegen Bachs. Normalerweise werden die einzelnen Teile konzertant aufgeführt. In Meiningen sind die Teile, wie von Bach konzipiert, an den jeweiligen Feiertagen im Gottesdienst zu erleben. Dies war ein Traum des Kantors Fuhrmann, den er sich in diesem Jahr sozusagen selbst erfüllte.

Zu Herzen gehende Musik

Ich kann die musikalische Qualität der Aufführung mangels Fachkenntnis nicht beurteilen, aber ich kann sagen, dass mich die Musik und die Leistung von Sängern und Orchester zu Tränen gerührt hat. Die Solisten waren mit Begeisterung bei der Sache. Ganz besonders der Bassist des Meininger Theaters Sang-Seon Won hat mit einer solchen Inbrunst gesungen, dass es eine Gänsehaut erzeugte.

Ganz besonders möchte ich aber auch die Meininger Kantorei hervorheben. Die ehrenamtlichen Sängerinnen und Sänger haben Großartiges geleistet. Mit viel Vorbereitungsarbeit und dem Einsatz in sechs Gottesdiensten – heute und bis zum 1. Sonntag nach Epiphanias – bringen sie das Grundthema des Oratoriums zum Ausdruck: Die weihnachtliche Freude über die Geburt Jesu.

Mächtig klang „mit Pauken und Trompeten“ der Eröffnungschor „Jauchzet, frohlocket!“ Eingängig ertönte der bekannte Choral „Wie soll ich dich empfangen“ und eindringlich sang der Chor den Schlusschoral „Ach mein herzliebes Jesulein“ in die Herzen der Gottesdienstbesucher.

Eindrückliche Worte

In ihrer Predigt fragte Regionalbischöfin Kühnbaum-Schmidt, wie das denn gehen kann, dass Gott in unserer Welt geboren wird. Die Antwort gibt Bach im Weihnachtsoratorium. „Des Höchsten Sohn kömmt in die Welt, weil ihm ihr Heil so wohl gefällt.“ Liebe bewegt Gott in die Welt, weil „ihn der Menschen Leid bewegt.“

Kühnbaum-Schmidt wandte den Gedanken auf uns und heute:

  • Wer das Kind in der Krippe sieht, der kann nicht mehr auf Waffen und Macht setzen, sondern sucht den Frieden.
  • Wer das Kind in der Krippe sieht, wie kann der meinen, Flucht und Vertreibung gingen ihn nichts an.
  • Wer das Kind in der Krippe sieht, wie kann der die Augen vor dem Leid so vieler Kinder in unserer Welt verschließen.
  • Deshalb lautet die Weihnachtsbotschaft, dass Gott in Jesus Christus geboren wird, entweder draußen vor der Tür oder im Herzen der Menschen.

Ich schreibe jetzt nicht als Pfarrer, sondern als einfacher Teilnehmer am Gottesdienst mit Weihnachtsoratorium in Meiningen: Tiefsten und herzlichen Dank an alle Beteiligten, die diesen wunderbaren Gottesdienst möglich gemacht haben.

Es grüßt ganz herzlich der „Wessiwäller im Osten“!

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe

PS: Den ersten Teil meiner Serie findest du hier: Ein Wessiwäller im Osten 1.

PPS: Hier einige Bilder aus Meiningen und dem Gottesdienst: