Dies ist der zweite Teil meiner Artikelserie zum Bruttoinlandsglück.
Hier geht’s zum ersten Teil dieser Serie.

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Bhutan?

Bhutan ist ein kleines unabhängiges Königreich in Südasien. Im Süden grenzt es an Indien, im Norden an Tibet (China). Bhutan ist etwa so groß wie die Schweiz und ebenso ein Bergland. Der größte Teil des Landes liegt in einer Höhe von über 2000 Metern. Seit 1907 ist Bhutan eine Erbmonarchie unter der Herrschaft der Königsfamilie Wangchuck. Derzeitiger König ist Jigme Khesar Namgyel Wangchuck (seit 2006, Krönung 2008).

Eine Besonderheit in Bhutan ist, dass mehr als zwei Drittel des Landes bewaldet sind. Außerdem hat Bhutan in seiner Verfassung den Umweltschutz festgeschrieben. Bereits vor dem gesetzlichen Schutz war die gesamte Wirtschaft dem Umweltschutz untergeordnet. Bhutan verfügt über einen einmaligen Naturreichtum. In den Schulen wird den Kindern die Wichtigkeit des Umweltschutzes vermittelt.
Die Staatsreligion, der etwa 72 % der Bevölkerung anhängen, ist eine besondere Form des Buddhismus (Mahajana-Buddhismus).

Bhutan ist ein faszinierendes Land. Natürlich gibt es auch Schattenseiten (Vertreibung der nepalesischen Bevölkerung, Armut). Ich könnte hier eine ganze Menge darüber aufschreiben, aber das eigentliche Thema ist ja das Bruttoinlandsglück, deshalb überlasse ich es euch, ob ihr weiterlesen wollt. Ich habe aber einige Links dazu gesammelt, die ihr in meinem Webkatalog findet.

Bruttoinlandsglück in Bhutan

Der frühere König Jigme Singye Wangchuk formulierte als wichtigstes Ziel der Wirtschaftspolitik den Begriff „Bruttoinlandsglück“. Auf Englisch heißt das Wort Gross National Happiness, Eine andere deutsche Übersetzung lautet deshalb auch Bruttonationalglück. Auch wenn es für uns ungewöhnlich klingt, das Bruttoinlandsglück ist ein offizielles Staatsziel in Bhutan und hat dort etwa die Bedeutung, die bei uns das Bruttoinlandsprodukt hat.
2008 fanden in Bhutan die ersten Wahlen statt. Seitdem gibt es auch eine Verfassung, in der Bruttonationalglück als Staatsziel verankert ist. Darin heißt es in Artikel 9, Absatz 2:

Der Staat bemüht sich, jene Bedingungen zu fördern, die das Streben nach Bruttonationalglück ermöglichen.

Es gibt zur Erfassung und Weiterentwicklung des Indexes eine Kommission für das Bruttoinlandsglück. Mit dieser Ausrichtung der Wirtschaftspolitik auf das „Glück“ der Bevölkerung ist Bhutan eines der wenigen Länder, die ein nicht wachstumsorientiertes Wirtschaftsmodell in der Verfassung verankert haben.
Ich frage mich, ob das ein Vorbild auch für die westlichen Industrienationen, wie für Deutschland, sein könnte. Es lohnt sich sicher, darüber nachzudenken. Deshalb möchte ich hier etwa genauer beschreiben, wie das Bruttoinlandsglück in Bhutan verstanden und „gemessen“ wird.

Tief im Himalaya steht ein Mann auf dem Reisfeld und erntet sein Glück. Er hält eine Holzharke in der Hand und kehrt Stroh zusammen. Später wird er den Ballen anzünden, es wird seine Freude befeuern über Tausende Reiskörner, die nun geerntet sind. Denn das Glück, sagt Bauer Dorji, sei ein Reiskorn. Dorji, Herr über sieben winzige Felder, ist 79 Jahre alt, ein Mann mit vielen Falten und wenigen Zähnen. Als die Sonne am Nachmittag hinter die Berge rutscht, geht Dorji heim. Das Erdgeschoss seines Hauses ist ein Kuhstall, im ersten Stock lagert er Reis und Mais, im zweiten wohnt er mit seiner Frau, seiner Tochter und zwei Enkeln. Barfuß läuft Dorji durchs Haus, nimmt sich eine Schüssel Reis aus dem Reiskocher, setzt sich vor seinen Fernseher, den er sein »Auge in die Welt« nennt. An der Wand über seinem Kopf hängt ein Bild von Buddha, daneben ein Foto des alten Königs von Bhutan mit seinen vier Frauen. Jigme Singye Wangchuk war der vierte König der Dynastie, Spitzname K 4. Er war es, der 1986 in einem Interview gefragt wurde, wie hoch das Bruttoinlandsprodukt Bhutans sei. 50 US-Dollar pro Kopf, der König kannte die Zahl, es war die niedrigste weltweit. Er antwortete: »Das Bruttoinlandsprodukt interessiert mich nicht. Mich interessiert das Bruttoinlandsglück.« Glück als oberstes Staatsziel? Die Welt hat das jahrelang belächelt. Für die Zufriedenheit einer Nation schien vor allen Dingen das Wirtschaftswachstum von Bedeutung. Mehr Wohlstand, mehr Zufriedenheit – eine einfache Gleichung. Dann begann die Finanzkrise, und auf einmal ist dieses Konzept in Verruf geraten. Wann geht es einem Land wirklich gut?

Aus: zeit.de

 

Wie funktioniert der Index konkret

Der alte König Wangchuck (K4) nannte vier Leitlinien für das Bruttonationalglück:

  • die Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung,
  • Bewahrung und Förderung kultureller Werte,
  • Schutz der Umwelt und
  • gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen.

Das sind sozusagen die vier Säulen des Bruttonationalglücks. In diesem Bild kann man sich leicht vorstellen, dass ein Dach auf diesen vier Säulen nur dann hält, wenn die Säulen gleich groß und gleich stark sind. Alle vier Säulen sind wichtig.

Woran denkt ihr, wenn ihr das Wort „Glück“ hört? Meistens wird in westlichen Kulturen an das persönliche Glück gedacht. Das ist ja durchaus auch in Ordnung. Allerdings muss man beim Bruttoinlandsglück etwas weiter denken um es richtig zu verstehen. Der erste gewählte Premierminister Bhutans drückt das – frei übersetzt – so aus:

Wir unterscheiden das Glück im Bruttoinlandsglück deutlich von einem „guten Gefühl“! Wir wissen, dass niemand glücklich sein kann, während andere Menschen leiden. Glücklich wird man, wenn man für andere da ist, wenn man in Harmonie mit der Natur und in Übereinstimmung mit der hergebrachten Weisheit und der großartigen Art unseres eigenen Geistes lebt.

Die Kommission für das Bruttoinlandsglück misst den Index durch repräsentative Befragungen der Bevölkerung. Die Faktoren die abgefragt werden verteilen sich auf die genannten „Säulen“. Im Einzelnen sind es folgende neun Indikatoren:
1. Psychisches Wohlbefinden
2. Gesundheit
3. Bildung
4. Kultur
5. Zeitnutzung
6. Gute Regierung
7. Gesellschaftliches Leben
8. Ökologische Vielfalt und Stabilität
9. Lebensstandard

Bruttoinlandsglück im Detail

Für diejenigen, die es noch genauer wissen wollen: Diese neun Indikatoren werden noch einmal genauer aufgegliedert: 1. Psychisches Wohlbefinden Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, emotionale Balance zwischen positiven und negativen Gefühlen, religiöses Leben (Spiritualität) 2. Gesundheit Selbsteinschätzung des persönlichen Gesundheitszustands. Gibt es chronische Erkrankungen? Wie viele Krankheitstage gab es in dem Fragezeitraum. 3. Bildung Alphabetisierung, Ausbildung, Bildungsstand. Aber auch kulturelle Werte werden abgefragt. 4. Kultur Welcher Bevölkerungsgruppe gehört der Befragte an, welche Sprache wird in der Familie gesprochen? Welche traditionellen handwerklichen Fähigkeiten werden in der Familie weitergegeben? Ist der Befragte mit seiner sozio-kulturellen Teilhabe zufrieden? Besonderheit: Es wird nach dem Driglam Namzha (wörtlich übersetzt: der Weg der Harmonie) gefragt. Wir könnten das in etwa mit dem Wort Etikette wiedergeben. Das bezieht sich auf die Bemühungen der Regierung eine kulturelle Identität im Volk zu fördern. Dazu gehören althergebrachte Umgangsformen, traditionelle Kleidung usw. 5. Zeitnutzung Verhältnis von Arbeitszeit zu Freizeit und Schlafzeit. 6. Gute Regierung Politische Teilhabe, Freiheit, Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen (auch Infrastruktur etc.). Außerdem wird gefragt, wie zufrieden die Menschen mit der Regierung, den Gerichten und der Polizei sind. 7. Gesellschaftliches Leben Soziale Unterstützung im Lebensumfeld, Nachbarschaft, Familienzusammenhalt, Erfahrung von Kriminalität. 8. Ökologische Vielfalt und Stabilität Umweltverschmutzung, Verantwortlicher Umgang mit der Umwelt, gesunde Pflanzen- und Tierwelt, aber auch Probleme des Lebens in Städten (die Urbanisierung schreitet auch in Bhutan schnell fort). 9. Lebensstandard Familieneinkommen, Besitz, Wohnungsqualität Aus: A short guide to GNH index
Noch detaillierter: Einzelne ausgewählte Fragen aus dem Fragebogen der Kommission: Wie sehr genießen Sie Ihr Leben? Für wie religiös halten Sie sich selbst? Versuchen Sie in Ihrem täglichen Leben religiösen Lehren und Praktiken zu folgen? Wie stark beeinflusst ihre Religion die Art und Weise, in der Sie ihr Leben führen? Diskutieren Sie mit anderen über religiöse Themen? Wie zufrieden sind Sie mit der Unterstützung durch Ihre Freunde? Wie zufrieden sind Sie mit Ihren persönlichen Beziehungen? Wie sehr vertrauen Sie Ihren Nachbarn? Haben Sie in den letzten zwölf Monaten anderen Menschen unentgeltlich geholfen? Wie viele Stunden etwa haben Sie in den letzten zwölf Monaten ehrenamtliche Arbeit getan? Wie befriedigend empfinden Sie Ihre Erfahrungen mit ehrenamtlicher Arbeit? Hier ist ein Liste von Werten, die Kinder in der Familie lernen könnten. Wie wichtig sind diese Werte für Sie? Unabhängigkeit, Respekt vor dem Alter, Respekt vor den Eltern, Disziplin, Ehrlichkeit, Toleranz, harte Arbeit, Gehorsam, Hinterfragen von Autoritäten, Hilfsbereitschaft in der Familie, Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft, Wohlstand, Vorurteilsfrei gegenüber Reichtum, Armut, Standesunterschieden Würden Sie sagen, dass die Regierung insgesamt in die richtige Richtung geht oder nicht? Wie zufrieden sind Sie mit dem Wahlsystem in unserem Land? Meinen Sie, dass die Gerichte frei von äußerem Einfluss entscheiden? Fühlen Sie sich frei von… oder Fühlen Sie, dass Sie das Recht haben… Informationsfreiheit, Freiheit der Rede, Meinungsfreiheit, Wahlfreiheit, Mitgliedschaft in einer politischen Partei Ihrer Wahl, Handelsfreiheit, Freiheit der Berufswahl, gleicher Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Diskriminierung aufgrund von Rasse, Geschlecht, Religion, Sprache, politischer Anschauung oder Stand Aus: http://gnh-movement.org/papers/pennock.pdf

Ich hoffe, mit diesen Informationen ist etwas deutlich geworden, was das Bruttoinlandsglück in Bhutan bedeutet. Vielleicht habt ihr aber auch gemerkt, warum mich das so fasziniert hat. Im abschließenden dritten Teil dieser Artikelserie, der in den nächsten Tagen erscheinen wird, beschäftige ich mich mit der Bewertung dieser Informationen und versuche Schlüsse für mich persönlich und für unsere Gesellschaft in Deutschland zu ziehen.
Bis dahin!

Lechajim – für das Leben!
Mit herzlichen Grüßen und bleibt von Gott behütet!
Euer Uwe