Der Staupilot

Eine Auszeit, um Gott zu begegnen

Einige Namen, Orte und Begebenheiten in dieser Geschichte sind zum Schutz der Privatsphäre beteiligter Personen frei erfunden. Meine Gefühle und Überzeugungen, meine Lebens- und Glaubenshaltung, von welchen ich hier erzähle, sind authentisch und real.

Einige Monate vorher

05:15 Uhr Der Radiowecker weckt mich mit James Blunt. Ein zartes orange-rosa Licht schimmert durch die Gardinen und kündigt einen schönen Sonnenaufgang an. Eigentlich würde ich gerne noch in meinem schönen, kuschelig-warmen Bett liegen bleiben.

Doch jetzt geht’s raus aus den Federn. Ich schlage die Bettdecke nach hinten und schwinge mich, heute mal ohne einen steifen Rücken, aus dem Bett. In der Küche stelle ich das Radio und den Wasserkocher an, damit ich gleich bei Musik und den neuesten Infos des Tages frischen Kaffee aufbrühen kann. Unsere Hündin hebt müde den Kopf und senkt ihn wieder ab. Sie findet es wahrscheinlich total übertrieben, zu dieser Uhrzeit aufzustehen.

Mein Mann war schon im Bad und geht jetzt in den Keller, um das Fleisch für die Hundemahlzeit vorzubereiten. Der Hunger treibt Balue aus ihrem Hundekörbchen und sie trabt ebenfalls in den Keller. Ich gehe schnell duschen und bin um kurz vor sechs wieder in der Küche. Zum Frühstück gibt’s Müsli mit Milch und einen großen Pott Kaffee. „Tschüs, mein Schatz, ich wünsch dir einen schönen Tag in der Werkstatt!“, rufe ich meinem Schatz zu. Ein Kuss noch zum Abschied und dann fährt er zur Arbeit.

Im Radio singt Silbermond von leichtem Gepäck und der Staupilot gibt die Straße wieder frei, denn die Stauampel steht jetzt auf grün. Gut , dass ich es nicht weit zur Arbeit habe. Auf den Staupiloten bin ich nicht angewiesen. Während des Kaffees denke ich schon an die Arbeit in der Kindertagesstätte und mache mir eine To-Do-Liste für den heutigen Tag.

Dann habe ich noch eine halbe Stunde Zeit für Balue und ein wenig Hausarbeit. Ich mache die Betten, lüfte Schlafzimmer und Bad, klar Schiff in der Küche und im Wohnzimmer. Das Wetter wird gut, also nehme ich Balue mit in den Garten, um schnell noch eine Maschine Wäsche aufzuhängen. Wir schaffen es, noch dreimal Stöckchen zu werfen und zu fangen, noch eine Runde zu toben mit dem Tennisball, dann wird es auch für mich Zeit zur Arbeit zu fahren.

Ein ganz normaler Tag in der Kita

„Tschüss Balue, mein Hundemädchen!“

Schnell schnappe ich mir meinen Rucksack und schwinge mich aufs Fahrrad. Zur Kita sind es nur knapp 500 Meter. Der Weg durch die verkehrsberuhigte Zone verläuft sanft bergab, sodass ich locker und ohne Anstrengung in ein paar Minuten an meiner Arbeitsstelle bin. Einige Kolleginnen sind schon da und haben die üblichen Arbeiten im Frühdienst verrichtet.

Im Büro angekommen, fahre ich den Computer hoch und checke die Mails. In zehn Minuten treffe ich mich mit einigen Mitarbeiterinnen und wir sprechen über den Tagesablauf. Zwei Neuanmeldungen, Projekttag, Einzelförderung und ein Ausflug mit den Großen stehen an.

Als Leiterin der Kindertagesstätte habe ich seit Jahren immer weniger direkt mit den Kindern zu tun, sondern bin mit Organisation und Bürokratie beschäftigt. Anträge, Bewilligungen, Finanzen, Dienstpläne, Gespräche mit Eltern, Jugendamt, Schulen und dem Träger der Einrichtung und vieles mehr.

„Meine Arbeit erfüllt mich“, habe ich zu Beginn gesagt. Später sagte ich: „Meine Arbeit füllt mich voll und ganz aus!“ Jetzt nach über elf Jahren Leitungstätigkeit muss ich mich manchmal fragen, wie ich das alles schaffe. Ich komme schon öfters an die Grenzen meiner Kräfte, merke, dass ich eigentlich gerne mehr Zeit für mich hätte.

Wenn ich Zeit habe, meinen Gedanken nachzuhängen, habe ich wundervolle Ideen, werde kreativ, möchte wieder anfangen zu malen oder zu Geschichten zu schreiben. Weniger Verantwortung tragen, dafür mehr Gott überlassen, stärker im Glauben werden und Schwächen zulassen. Ich fühle, dass Gott mir nahe ist und mich trägt. Ich fühle mich gefestigt in meinem Glauben, doch manchmal zu schwach, um alles zu erfüllen, was die Menschen von mir fordern. Oft habe ich das Gefühl, nur noch zu funktionieren.

Auch der heutige Terminkalender ist voll. Noch vor der Teamsitzung kommen ein zweijähriges Mädchen und ihr fünfjähriger Bruder in Begleitung der Pflegemutter und einer Betreuerin des Jugendamtes zur Aufnahme. Die Mutter ist alkoholabhängig, der Vater inhaftiert. Zwischendurch telefoniere ich mit der zuständigen Mitarbeiterin bei der Kreisverwaltung und mit dem Landesjugendamt. Kurz vor Mittag kommt die Praktikantin besorgt zu mir, weil sie Angst hat vor der Abschlussprüfung. Ein Kaffee wäre jetzt nicht schlecht. Das zweite Frühstück ist heute wieder, wie so oft, ausgefallen. Der Antrag für die Erhöhung des Stellenschlüssels muss noch vor Mittag raus.

Pause muss auch mal sein

12:30 Uhr, ich habe Pause. Mit dem Fahrrad jetzt leicht bergauf, radele ich nach Hause. Balue wartet schon. Die nächste halbe Stunde gehört uns und ich genieße unseren täglichen Spaziergang sehr. Wir wohnen am Rande des Dorfes, direkt an einem großen Laubwald. Hier gibt es unzählige, wunderschöne Wege, die man teilweise mit und ohne Gummistiefel gut laufen kann.

Die Entspannung tut mir gut, doch so langsam meldet sich der kleine Hunger. Manchmal esse ich mit den Kindern in der Kita zu Mittag, heute war dazu leider keine Möglichkeit. Balue rennt und springt über Gräben und Baumstämme, gräbt Löcher und sammelt Stöckchen. Wieder zu Hause mache ich mir schnell noch ein Salamibrot, anschließend radele ich wieder zur Arbeit in die Kita.

…und weiter geht der Kita-Tag

Für heute Nachmittag habe ich die monatliche Kassenabrechnung und ein Gespräch mit dem Träger geplant. Ich bin häufig im Frühdienst eingeteilt, da ich zu dieser Zeit im Büro die meisten Angelegenheiten, besonders die telefonischen besser erledigen kann.

Im Büro angekommen, stürzt plötzlich meine Mitarbeiterin Sabine herein: „ Das Busunternehmen hat gerade angerufen. Timo ist aus dem Bus ausgestiegen und von der Bushaltestelle  weggelaufen. Der Busfahrer berichtete, dass wieder niemand zum Abholen des Kindes an der Bushaltestelle gestanden habe. Die anderen Mütter, die Timo sonst schon einmal mitnehmen und zu Hause abliefern, hätten ihn nicht aufhalten können. Timo sei wütend in den Wald gelaufen und habe sich versteckt. Die sofortige Suche der anwesenden Erwachsenen habe nicht gebracht.“

„Wir müssen die Polizei einschalten!“, entgegne ich, greife zum Telefon und fordere eine Streife an.

„Wer ist noch im Haus und kann sich mit auf die Suche machen?“, frage ich wieder in Richtung Sabine. „Matthias ist noch da und Helena! Ich bleibe bei den Kindern“, antwortet Sabine. „Okay, bitte lass die beiden Neuen nicht aus den Augen. Ich versuche, die Mutter zu erreichen und Frau Herbst vom Jugendamt!“

Den Termin mit dem Träger sage ich ab und teile ihm gleichzeitig die schlechte Nachricht von unserem getürmten Jungen mit. Nach zwei Stunden kommt die erlösende Nachricht. Matthias hat den sechsjährigen Timo in der Nähe des Weihers an einem Steg gefunden. Er konnte ihn überreden mit zurück in die Kita zu kommen. Von hier aus habe ich dann mit der inzwischen doch sehr besorgten Mutter telefoniert und die Polizei über unsere erfolgreiche Suche informiert.

Gott sei Dank ist das gut ausgegangen. Die Sache wird allerdings noch ein Nachspiel haben.

Abschalten

Ich mache jetzt Feierabend, die Kassenabrechnung muss warten, und ich radele nach Hause.

Es ist 17:00 Uhr, mein Mann hat schon den Rasen gemäht und gießt gerade die Blumen. „Wollen wir gleich noch ne Runde walken?“, fragt er mich zur Begrüßung, „das Wetter ist gut!“  „Vielleicht! Ich muss jetzt erst mal verschnaufen!“, antworte ich ein wenig müde und mache mir noch einen Kaffee mit Milchschaum. Okay, ich mache zwei Kaffee mit Milchschaum. Zu zweit genießen wir die Ruhe auf unserer gemütlichen Terrasse.

Es ist schon eine kleine Kunst, die Gedanken und Sorgen von der Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen, sondern dort zu lassen oder sie zu zerstreuen. Eine Kunst, die mir, je nach Tagesform und Erlebnissen, manchmal mehr, manchmal weniger gut gelingt. Heute funktioniert es nicht so gut, das Abschalten, ich muss immer noch an Timo denken, obwohl dieser Tag, mal abgesehen von dem Erlebnis mit dem Jungen, eigentlich ganz alltäglich war. „Ganz normale Härte“, würde mein Mann sagen.

Balue stupst mich an und zieht vorsichtig an meinem Ärmel. „Hey! Was ist denn?“ Das heißt auf hündisch: „Komm, ich will noch Gassi gehen!“

Na gut! Aufstehen, umziehen, Leine, Pfeife und Walking-Stöcke, dann gehen wir noch eine Stunde durch den Wald. Langsam fällt die Anspannung von mir ab und ich werde lockerer.

Gegen 19:00 Uhr kommt unsere Tochter von der Uni nach Hause. Sie hat einen Riesenhunger, hat sie mir schon über WhatsApp geschrieben, und drei Rindersteaks gekauft. Eigentlich bin ich zu müde zum Kochen, doch ich habe auch Hunger. Wir kochen gemeinsam, schnell und ein bisschen ungesund: Steaks mit Kräuterbutter, Pommes frites und Bohnen aus der Dose, aber sehr lecker.

Ich freue mich immer sehr, wenn wir es schaffen, als Familie gemeinsam am Tisch zu sitzen und zu speisen, deshalb genieße ich den Abend umso mehr. Oh, da fällt mir ein, die Wäsche von heute Morgen hängt noch auf der Leine, die muss noch reingeholt werden. Gegen halb neun ist dann wirklich Feierabend. Der Schweden-Krimi hat bereits angefangen. Fernseher einschalten zum Abschalten, eine Sendung am Abend, extra ohne Werbung, sonst schlafe ich sowieso schon bei der ersten Waschmittel-, Deo- und Versicherungsphase ein.

Ein Tag wie jeder andere, voller Leben, voller Aktionen, mit hoher Verantwortung im Job wie man es heutzutage gerne sagt. Vierundzwanzig Stunden eines Tages geplant, strukturiert und gut durchorganisiert ohne die vielen, aufregenden Zwischenfälle – wie der mit Timo, und die kleinen Überraschungen – wie die Rumpsteaks, die das Leben erst interessant machen. Von den vierundzwanzig Stunden genehmige ich mir jedoch auch gut und gerne sieben bis acht Stunden Schlaf und ich bin dankbar, dass ich gut schlafe und immer noch das Gefühl habe, mich ein wenig auszuruhen durch den Schlaf, obwohl der Wecker mir manchmal viel zu früh in den Ohren liegt.

Eigentlich geht’s mir ganz gut

Gesundheitlich geht es mir eigentlich ganz gut, bis auf meinen Rücken, der mir in den letzten Jahren immer wieder schmerzhafte Auszeiten beschert. Von Bandscheibenvorfall bis Nervenwurzelreizung, eingeklemmte Nerven, Hexenschuss und Lumbo-Ischialgie wurde bei mir schon einiges an bitteren Diagnosen gestellt.

„Das Päckchen, das du trägst ist zu schwer!“, bekomme ich manchmal zu hören.  „Das kommt von der Psyche!“, ist auch eine der freundschaftlichen Diagnosen, die mich aber trotzdem ärgern. Gutgemeinte Ratschläge, die mich treffen, wie Schläge auf die Seele, die mir jedoch keinen Schritt weiterhelfen, sondern mich eher verunsichern.

Da stellen sich mir Fragen: Wie kann ich mich selbst entlasten? Nehme ich alles zu schwer, mache ich mir zu viele Sorgen? Was ist mir wichtig, welche Werte habe ich? Um mein Lebenspäckchen leichter zu machen, muss ich Prioritäten setzen. Habe ich das überhaupt in der Hand?

Von Natur aus bin ich ein lustiger, heiterer Mensch, der immer die Hoffnung in sich trägt, dass etwas gut ausgeht. Mein Glas ist immer halb voll. Ich stehe auf der Sonnenseite des Lebens – ein Geschenk, für das ich dankbar bin.

„Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen.“

Dieser Spruch aus der Bibel lässt mich optimistisch sein, dass auch Schwierigkeiten und Hindernisse, dazu dienen können, zu reifen und zu wachsen, sich weiterzuentwickeln. Klar habe auch ich Zweifel und Ängste, die mein Herz zum Flattern bringen, Gedanken, die man Sorgen nennt und die mich beschäftigen.

In diesen Zeiten hilft mir das Gebet, mit Gott zu sprechen, meine Sorgen zu verbalisieren, auszudrücken, um Hilfe und Schutz für Familie und Freunde zu bitten, und dankbar zu sein für das Gute und die Bewahrung, die ich täglich erleben darf.

„SANTOSHA WUKKUTE“ – möge die Freude überfließen!
Liebe Grüße
Bettina

Diese P&S-Geschichte geht noch weiter. Die Fortsetzung gibt es nächste Woche. Komm doch einfach mal wieder oder abonniere den Newsletter, damit du nichts verpasst.

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