Lebensfreude als Instinkt

Musstest Du auch lächeln, als Du das Foto betrachtet hast? Für mich strahlt es pure Lebensfreude aus. Ein Bild, ein „picture“ zu finden, zu dem man eine Geschichte, eine „story“ schreiben kann, ist meistens nicht ganz leicht. Beim Thema Lebensfreude kam mir jedoch gleich dieser Schnappschuss von unserer Hündin Balue in den Sinn. Schaut man bei Google nach Bildern zum Leitgedanken Lebensfreude, wird man überhäuft mit Motiven von fröhlichen, lachenden Menschen, die springen, hüpfen oder mit weit geöffneten Armen in einer Sommerwiese oder am Meer stehen. Wenn ich versuche, mich in diese Situation der Lebensfreude in einem Bild hineinzuversetzen, kommen bei mir Gefühle auf, Freude, Wärme, ein Kribbeln, ein Nachempfinden, eine Sehnsucht an diesem Ort der Freude zu verweilen, auch dieses Glücksgefühl erleben zu können. Einzutauchen in eine andere Welt, dort zu sein, wo es besser ist als hier.

Der Schnappschuss von unserer Hündin Balue entstand im letzten Jahr während unseres Urlaubs an der Ostsee am Strand von Zingst auf der Halbinsel Darß. Ich habe bewusst das Bild eines Tieres gewählt und nicht eines Menschen. Ein Tier lebt aus seinem Instinkt heraus. Auch unsere Hündin Balue lebt aus ihrem Instinkt heraus. Hinter jedem Instinkt steht eine Absicht – das Überleben. Ich unterstelle unserer Hündin, dass auch sie ein gutes Leben führen möchte. Sie erkennt ihre Bedürfnisse aus ihrem Instinkt heraus, kann Freude, Übermut, Schmerz und Trauer erleben und mit ihren Möglichkeiten auch zeigen. Die pure Lebensfreude eines Tieres – beim Hund können wir Menschen das besser erkennen, als bei einer Schildkröte – entsteht jedes Mal im Hier und Jetzt.

Tiere leben nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft, sie leben in der Gegenwart. Sie genießen den Augenblick. Balue kann sich dermaßen freuen in einer Situation, dass sie sich hineinsteigern kann in diese Freude, dass sie übermütig werden kann, dass sie rennt vor Freude, springt vor Freude oder sich im wahrsten Sinne des Wortes überschlägt vor Freude.

Am Strand von Zingst hat sie zum ersten Mal das Meer gesehen, gespürt wie der Sand an den Pfoten kleben bleibt, gefühlt wie kalt das Wasser ist, wie Meerwasser schmeckt, bemerkt, dass die Wellen immer wieder zurückkommen, mal stärker, mal schwächer. Sie hat entdeckt, dass man endlos weit rennen kann, dass der Sand weich ist, wie toll man im Sand Löcher graben kann und wie schön es ist, durch die Dünen zu sprinten, dass der Sand nur so nach hinten fliegt, um dann wieder zurück zu kommen und mit einem großen Satz aus den Dünen ans Meer zu gelangen. Immer und immer wieder hat sie das alles ausprobiert, bis sie sich erschöpft in den warmen Sand und die Schnauze auf die klebrigen Pfoten gelegt hat und die Nase im Wind, um nur nichts zu verpassen.

Das mit zu erleben, ist auch Lebensfreude für mich. Lebensfreude ist ansteckend und wird größer, wenn man sie teilt, mit Menschen oder Tieren. Der Unterschied vom Tier zum Menschen ist, dass das Tier nicht bewusst seine Vergangenheit reflektiert oder seine Zukunft plant. Es lebt in seiner eigenen Welt und seine Lebensfreude entspringt dem Augenblick. Davon können wir Menschen lernen. Glück und Freude sind nicht von außen planbar – auch wenn die modernen Medien dies immer vormachen wollen.

Freudige Ereignisse sind nur freudig, wenn wir uns innerlich ganz darauf einlassen können und positiv gestimmt sind, ohne Angst und ohne (Zeit)Druck. Lebensfreude entsteht nicht nach einem Plan, sondern aus einer inneren Haltung heraus.

Lebensfreude ist laut Wikipedia das subjektive Empfinden der Freude am eigenen Leben. Artikel auf wikipedia zum Thema

Freude ist ein Gemütszustand, eine primäre Emotion, die als Reaktion auf eine angenehme Situation oder die Erinnerung an eine solche entsteht. Je nach Intensität äußert sie sich (beim Menschen) als Lächeln, Lachen oder einem Freudenschrei. Im weiteren Sinne kann auch der Auslöser einer Freude, eine frohe Stimmung oder ein frohes Dasein als Freude bezeichnet werden. Artikel auf wikipedia zum Thema Freude

Subjektive Empfindungen zu beschreiben, das fällt uns Menschen in der heutigen Zeit sehr schwer, weil wir nicht mehr nach innen blicken, auf uns, in uns, sondern wir sind fokussiert auf die äußeren Reize. Reize, die in einer Flut von außen auf uns wirken. Reize, die uns überfordern in Menge und Tempo. Wo bleiben wir, wo bleibe ich? Haben wir da noch Zeit für Lebensfreude? Habe ich persönlich noch Zeit mich meines Lebens zu freuen? Oder werde ich gelebt?

Abhanden gekommen

Manchmal denke ich, die Lebensfreude ist uns (erwachsenen) Menschen in vielen Bereichen abhanden gekommen. Kinder kann ich häufig beobachten, wenn sie sich gerade ihres Lebens freuen, denn ich arbeite in einer Kindertagesstätte. Kinder sind noch sehr oft ganz bei sich, erleben den Augenblick und konzentrieren sich auf eine Situation, die sie gerade interessiert und beschäftigt. Sie sind ganz vertieft in eine Sache, wirken abwesend der Außenwelt gegenüber und hoch engagiert. Ihre Wangen glühen, sie entdecken Unbekanntes, entwickeln Neues und freuen sich genau darüber – sie machen sich ein Bild von ihrer eigenen Welt, sie bilden sich und freuen sich über eigene Erlebnisse. Sie beginnen zu planen und zu entwickeln, das sind ureigene Bedürfnisse des Menschen, doch sie planen nicht ihre Lebensfreude. Diese kommt aus ihrem Inneren, aus ihrer Seele, ganz nebenbei, weil die Seele des Kindes Freude versprühen kann, ohne Absicht und ohne Plan. Allein deshalb, weil das Kind der Welt unvoreingenommen und offen gegenübersteht, neugierig, mit großem Entdecker- und Forscherdrang.

Genau diese kindliche Unvoreingenommenheit und der kindliche Entdeckerdrang sind den meisten Erwachsenen abhandengekommen. Durch die vielfältigen (auch digitalen) Erlebnisse und Erfahrungen haben viele Erwachsene Vorurteile entwickelt, die sie in ihrer Meinung und ihrem Empfinden beeinflussen oder sogar leiten.

Mit einem Klick können wir uns die ganze Welt ins Wohnzimmer holen, was müssen wir noch entdecken? Ist nicht schon alles entdeckt? Eine gewisse Nüchternheit belegt uns und das Gefühl, etwas zu verpassen in der schnellen, digitalen Welt beherrscht uns. Die Zukunft ist verplant mit Arbeitsteilung, Haushaltsplanung, Urlaubsplanung, Finanzmanagement und Zeitmanagement. Selbst Vergangenes können wir nicht richtig verarbeiten, weil keine Zeit mehr dafür bleibt. Urlaubsbilder verwaisen auf der Festplatte, Trauer darf man nicht oder jedenfalls nicht zu lange zeigen, es bleibt keine Zeit für private Gespräche auf der Arbeit oder schlimmstenfalls ist es sogar verboten. Die Menschen funktionieren, damit die Wirtschaft wächst. Ob dadurch die Lebensfreude der Wirtschaftsbosse steigt? Das bleibt fraglich. Doch ich denke, infolgedessen ist Vielen die Fähigkeit zur echten Lebensfreude abhanden gekommen.

Künstlich erzeugte Lebensfreude

Jeden Tag erreichen uns neue Werbeblätter, Broschüren und Flyer zur Freizeit- und Urlaubsgestaltung. Die Konzerne scheuen keine Kosten und Mühen, die Verbraucher mit werbewirksamen und psychologisch wirkungsvollen Tricks zu veranlassen, ihre Angebote zur Verwirklichung wahrer Lebensfreude zu buchen. Kennst Du die Werbeslogans?

  • „Komm zur Natur – Lebensfreude pur!“
  • „Wellness und Entspannung genießen – genieße unsere hausinternen Angebote!“
  • „Brauchst Du den Kick? – Erlebe mit uns, was Du noch nie erlebt habst!“
  • „Bungee-Jumping“
  • „Tandemsprung“
  • „Mountain-Biking“
  • „Alpencrossing“
  • und so weiter und so fort.

Zweifellos kann man, wenn man sich auf diese Angebote ohne Angst und entspannt einlässt, pure Lebensfreude erleben und auch genießen. Das Problem unserer Zeit liegt jedoch darin, dass wir, um möglichst viel Lebensfreude zu erleben, eine Aktion an die Nächste reihen. Meistens sind wir dann, um alles genauestens festzuhalten, ganz intensiv mit Filmen und Fotografieren beschäftigt, und wir verpassen den Moment des Genießens und der Freude. Oder wir sind zum Beispiel, während wir in der Welt der Wellness und Entspannung sind, gedanklich schon wieder bei der Planung des nächsten Events und verpassen es, die Lebensfreude beim Wellness-Wochenende bewusst wahrzunehmen.

Der Adrenalin-Kick

Was nehmen wir aus unserer nächsten Umgebung wahr? Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen – unsere Sinne haben sich seit Beginn unseres Lebens entwickelt und verfeinert. Nach neuesten Erkenntnissen aus der Hirnforschung können wir bereits im Mutterleib verschiedenste Dinge wahrnehmen und in unserem Gehirn speichern. Wir nehmen z. B. ein Geräusch wahr, verarbeiten die Töne als Reize und speichern sie im Gehirn. So können wir uns beim nächsten Mal, wenn wir das Geräusch hören, daran erinnern und verbinden eine bestimmte Erfahrung, ein Erlebnis oder ein Bild mit dem Geräusch.

Studien belegen, dass heutzutage vielfach die Wahrnehmung beim Menschen gestört ist.

Zum einen kann das an einer genetisch oder krankhaft bedingten Wahrnehmungsverarbeitungsstörung liegen, zum anderen können solche Verarbeitungsstörungen durch Reizüberflutung entstehen.

Ein Beispiel: Junge Eltern gehen zum Einkaufen in den Supermarkt und nehmen ihren wenige Wochen alten Säugling mit. Vorschriftsmäßig befestigen sie die Baby-Schale auf der Halterung des Einkaufswagens und schieben ihr Kind in Rückenlage, entgegen der Fahrtrichtung durch die Gänge. Wie viele neue Eindrücke, wie viele unbekannte Bilder muss das Gehirn hier verarbeiten? Ganz zu schweigen, von den unzähligen Geräuschen, die auf das Kind einwirken. Das kindliche Gehirn hat jedoch einen Schutzmechanismus – bei einer Reizüberflutung macht das Gehirn dicht, es schaltet ab. Die Freude über ein bestimmtes Erlebnis kann nicht entstehen, weil dem eine Überforderung gegenübersteht. Ist der Mensch also ständig einer Reizüberflutung ausgesetzt, stumpft die Wahrnehmung ab. Seine Sinne sind nicht geschärft.

Bei Gefahr oder Stress, ob positiv oder negativ, entwickelt das Gehirn jedoch eine Ausschüttung des Hormons Adrenalin, welches evolutionär bedingt für besonders schnelle Reaktionen oder besonders hohe Leistungsfähigkeit sorgt. Wenn die Gefahr gebannt ist und der Mensch sie unbeschadet überstanden hat, erlebt er eine große Erleichterung, die mit einem Gefühl der Entspannung, des Kribbelns, eines Schauers oder ähnlich beschrieben werden kann. Solche Erlebnisse kann man heutzutage planen und buchen – den sogenannten Adrenalin-Kick beim Bungee-Jumping zum Beispiel. Etliche Menschen suchen ihre Freude am Leben in einem solchen Adrenalin-Kick.

Durch die ständige Überflutung mit Reizen und Eindrücken im täglichen Leben, stumpft die Wahrnehmung ab, viele Dinge nimmt man kaum noch oder nur oberflächlich wahr. Da der Adrenalin-Schub so ein tolles Gefühl erzeugt und man dieses Gefühl immer wieder erleben möchte, besteht die Gefahr süchtig zu werden nach dem Kick im Leben. Meiner Meinung nach entsteht die echte, die von Gott gemeinte Freude am Leben nicht durch den Kick, sondern durch Gefühle der Dankbarkeit und der tiefen Zufriedenheit.

Lebensfreude als Lebenshaltung

Kennst Du auch diese Menschen, die so eine positive Ausstrahlung haben, dass dies ansteckend wirkt? Sie wirken immer fröhlich und offen, gut gelaunt, belastbar und optimistisch. Und wenn man die Lebenssituation oder die Lebensgeschichte dieser Menschen betrachtet, meint man keineswegs, dass sie immer Grund zum Lachen gehabt hätten. Und doch schauen sie mit ihrem Optimismus positiv in die Zukunft, lassen sich nicht beirren in ihrer Haltung und sind anscheinend zufrieden mit sich und der Welt. Sie haben eine gewisse Widerstandskraft entwickelt, mit der sie auch schwierige Zeiten meistern und die sie hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lässt. Das nennt man Resilienz.

Resiliente Menschen haben in schwierigen Zeiten beständige und tragfähige Beziehungen zu anderen Menschen entwickeln können, haben erfahren, dass es Menschen gibt, die authentisch und ehrlich sind, auf die sie sich in schwierigen Zeiten verlassen können. Sie haben tiefe Zuneigung und echte Zuwendung erlebt und konnten erfahren, dass es immer eine Hoffnung auf eine bessere Zukunft gibt. Vielleicht konnten sie auch einen Glauben an einen Gott kennenlernen, der sie trägt und in seiner Hand geborgen hält. Diese Menschen freuen sich ihres Lebens, entwickeln echte Lebensfreude, die sie erfüllt mit einem Gefühl der Dankbarkeit und der Zufriedenheit. Resiliente Menschen sind nicht immer glücklich, aber lebensfrohe Menschen sind meistens resilient.

Lebensfreude trotz Schmerz und Trauer

Das Leben ist nicht immer schön und es gibt Zeiten, die sind gefüllt mit Schmerz und Trauer. Diese Erfahrungen wünsche ich Keinem, weil ich weiß wie schmerzhaft z. B. ein Bandscheibenvorfall sein kann, weil ich erlebt habe wie weh es tut, nahe stehende Menschen zu verlieren, ob durch Trennung oder Tod. Dennoch gehören sie zum Leben dazu.

Ich habe erfahren dürfen in diesen schwierigen Zeiten, dass Gott mich nicht herumführt um den Schmerz, nein, er führt und trägt mich hindurch, so dass ich gestärkt hervorgehen kann, mich weiterentwickeln und reifer werden kann. Diese Erfahrungen wünsche ich Jedem.

Tiefe Dankbarkeit für das Leben, für ein lebenswertes Leben konnte ich spüren, hat mich erfüllt nach einer schwierigen Operation. Dankbarkeit macht froh, lebensfroh. Ein warmer Frieden erfüllt mich, wenn ich mich versöhnen kann mit dem Leben und Hoffnung habe, auf ein Leben nach dem Tod, zum Frieden kommen, zu-frieden-sein, Zufriedenheit. Meine Freude am Leben ist noch da, ich liebe das Leben und bin dankbar, dass es Menschen gibt, die mich lieben und die ich lieben kann, dass ich einen Glauben habe, der mich trägt und eine Hoffnung, die mich erfüllt und lebensfroh stimmt.

Erfüllung ist die Steigerung von Glück.

Johann Wolfgang von Goethe…

… sagte einst: „Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.“

Zum Thema „Lebensfreude heute“ bedeutet das für mich:

Ich sollte möglichst jeden Tag ein Lied singen oder gute Musik hören, mit einer Melodie, die mich entspannt oder anregt und motiviert.

Ich sollte jeden Tag einen Text lesen, der mich berührt. Ich sollte täglich Worte hören oder lesen, deren Sinn und Inhalt mit Muße und Verstand, vielleicht mit Witz und Humor oder sogar mit gelebter Erfahrung und Weisheit verfasst und niedergeschrieben wurden.

Ich sollte mir möglichst oft gute Bilder anschauen, ob Gemälde, Fotos, digitale Bilder oder Bilder, die ich in Echtzeit vor meinen Augen entdecke. Bilder, die eine Bedeutung für mich haben, die mich zum Nachdenken anregen, die Visionen in mir wecken, die mich entspannen und echte Lebensfreude erleben lassen.

Wenn ich es dazu noch schaffe, jeden Tag ein gutes Gespräch zu führen, das mit Worten gefüllt ist, die mich und den oder die Gesprächspartner bereichern und uns mit einem Gefühl der Zufriedenheit und Dankbarkeit erfüllen

– dann ist das für mich gelebte Lebensfreude.

„SANTOSHA WUKKUTE“ – möge die Freude überfließen!
Liebe Grüße
Bettina