Wie gefährlich ist das Internet?

Immer wieder wird darauf hingewiesen, wie gefährlich das Internet sein kann. Auch in dem Lesebuch „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“ zur Synode der EKD vom 9.-12. November 2014 wird oft von den Gefahren gesprochen.

Wenn ich mit „normalen Menschen“ spreche, dann beziehen sich die Befürchtungen bezüglich des Internets vor allem auf kriminelle Gefahren. Erst kürzlich habe ich in unserer Regionalzeitung einen Artikel gelesen, in dem stand, dass die Anzahl der Fälle von Internetkriminalität im Jahr 2013 schon wieder gestiegen sei und zwar auf 64.426.
Selbstverständlich ist für jeden Betroffenen jeder einzelne dieser Fälle tragisch, ganz besonders, wenn man sich klar macht, dass auch Fälle von Kinderpornographie mit erfasst werden. Trotz der Betroffenheit, die so etwas auslöst, sollten wir mal etwas genauer hinschauen.

Das Bundeskriminalamt gibt an, dass die Anzahl der Cybercrime-Fälle in 2013 um ca. 1% auf 64.426 gestiegen ist.
Lass mich das mal in Relation zu einigen anderen Zahlen und Statistiken stellen.

Der Anteil der Internetnutzer in Deutschland ist 2013 um 1,2% gestiegen auf 76,5% aller Deutschen.
Viel dramatischer aber hat sich die Intensität der Internetnutzung entwickelt. Die Dauer der wöchentlichen Internetnutzung ist in 2013 sogar um 27% gestiegen. Das heißt, mehr Menschen nutzen viel mehr Möglichkeiten im Netz. Das bestätigen auch die weiteren Statistiken.
Die Nutzung von Online-Banking ist im gleichen Jahr um ca. 2,3% gegenüber dem Vorjahr angestiegen, gegenüber dem Jahr 2011 sogar um 28,5%! Man geht davon aus, dass Ende diesen Jahres etwa 54% aller Deutschen Online-Banking nutzen. Interessant ist auch, dass diejenigen, die keine Bankgeschäfte im Internet machen, als Grund dafür vor allem die Angst vor Internetkriminalität angeben.
Eine weitere interessante Zahl: Der Online-Handel (die Nachweisseite hierfür ist leider auf einzelhandel.de nicht mehr vorhanden) ist 2013 um 12% gestiegen. Laut Prognose des Handelsverbands Deutschland wird es 2014 eine weitere Steigerung um 17% auf knapp unter 40 Milliarden Euro im Jahr geben.

Selbst wenn man also eine Dunkelziffer bei der Internetkriminalität unterstellt – bei welcher Art von Kriminalität muss man das nicht? – ist der Anstieg im Vergleich zu der rasanten Steigerung der Internetnutzung doch relativ moderat. Jedenfalls reicht das, meiner Meinung nach, nicht aus um mit der Rede von der Gefährlichkeit des Internets Ängste zu schüren.
Um es mal anders zu sagen: Die allermeisten Menschen in Deutschland fühlen sich in ihrer Wohnung sicher. Selbstverständlich werden Türen und Fenster verschlossen und übliche Sicherungsmaßnahmen ergriffen. Die Gefahr, Opfer eines Einbruchs zu werden, ist natürlich gegeben, aber kaum einer würde deshalb in Erwägung ziehen, auf eine Wohnung zu verzichten (wirklich seltsame Vorstellung).
Selbstverständlich nutze ich das Internet täglich ohne ständige Angst vor Cybercrime. Aber natürlich habe ich notwendige Sicherungsmaßnahmen ergriffen (zB. Virenscanner) und ich habe mich darüber informiert, wie ich mich schützen kann. Niemals käme ich auf den Gedanken, wegen der eventuellen Möglichkeit Opfer von Internetkriminalität zu werden, gänzlich auf die Nutzung des Internets zu verzichten.

Ich habe mich jetzt ganz auf Cybercrime als Gefahr des Internets konzentriert. Natürlich gibt es noch ganz andere Gefahren, die weit weniger offensichtlich sind. Ein Problem, das auch im Kundgebungsentwurf für die Synode ausführlich angesprochen wird, ist die Frage des Datensammelns. Allerdings scheint mir die „kriminalistische“ Frage nach der Datensicherheit bei weitem nicht so weitreichend zu sein, wie die Bewertung des legalen Datensammelns. Dazu hat Ralf Peter Reimann einen lesenswerten Artikel geschrieben.

Es gibt eine Menge Themen im Zusammenhang mit dem Internet und der „digitalen Gesellschaft“, die gründlich bedacht werden müssen. So manches ist nicht einfach und eindeutig. Aber lasst uns doch bitte endlich mal aufhören mit der pauschalen Rede von „den Gefahren des Internets“.

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe