Seit 2000 führen wir jedes Jahr eine große Jugendfreizeit durch. Bisher waren wir meist in Frankreich, einmal auch in Dänemark und in diesem Jahr geht es nach Norwegen. Im Lauf der Zeit haben wir im Team bestimmte Grundsätze entwickelt, nach denen wir die Freizeiten gestalten. Diese Grundsätze habe ich vor einiger Zeit einmal schriftlich festgehalten. Ich möchte sie hier mal veröffentlichen und bitte um Kommentare dazu.

1. Jugendliche müssen ernst genommen werden.
2. Jugendliche brauchen Freiheit um sich so zu entwickeln, wie es für sie persönlich richtig und gut ist.
3. Jugendliche brauchen Erlebnisse aus erster Hand. Das heißt nicht “virtuell” aus Fernsehen oder PC, sondern im realen Leben.
4. Jugendliche brauchen Grenzen. Es ist nicht alles erlaubt und es ist nicht alles gut.
5. Jugendliche brauchen Erwachsene, an denen sie sich orientieren können und die für das einstehen, was sie sagen.
Das sind die Dinge, die uns in unseren Freizeiten wichtig sind und die wir versuchen umzusetzen und mit den Jugendlichen zu leben.

Deshalb nehmen wir die Teilnehmer unserer Freizeiten so an, wie sie sind. Wir versuchen jeden ernst zu nehmen und ohne Vorurteile und vorgegebene Einstellungen so zu sehen, wie er ist. Wir haben deshalb noch nie einem Jugendlichen die Teilnahme an unseren Freizeiten verweigert, egal wie “schwierig” er / sie uns beschrieben worden ist. Wir haben auch noch nie die letzte Konsequenz – die natürlich möglich ist – gezogen und einen Jugendlichen während der laufenden Freizeit nach Hause geschickt.

Aber wir setzen deutliche Grenzen. Die Teilnehmer wissen vorher, worauf sie sich bei uns einlassen. Wir sagen eindeutig, dass wir nicht alles hinnehmen und tolerieren. Es gibt bei uns Regeln, an die sich alle halten müssen. Das sind nicht nur Regeln, die vom Gesetz vorgeschrieben sind (z. B. betreffend Alkohol- und Nikotinkonsum). Das sind auch Regeln, wie das gemeinsame Beginnen und Beenden des Tages und der Malzeiten. Es gehört dazu, dass wir Mindeststandards setzen im Blick auf das Miteinander. So gebieten wir z. B. deutlich Einhalt, wenn Jugendliche andere Teilnehmer mit Schimpfwörtern belegen oder wenn rassistische Witze erzählt werden und Ähnliches. Das lassen wir nicht durchgehen.

Auch machen wir deutlich, dass es eine kirchliche Freizeit ist. Deshalb werden unsere Tage mit einer Morgenandacht begonnen und mit einem Abendgebet beendet. Auch bei jedem Essen wird ein Tischgebet gesprochen. Wir singen christliche Lieder, feiern an jedem Sonntag in der Freizeit einen Gottesdienst.
Trotzdem wird bei uns deutlich, dass Toleranz ein hoher Wert unserer Gesellschaft und auch in unserem Team ist. Unser Team besteht sowohl aus Menschen, die einen klaren und starken Glauben haben, aber es gibt auch Mitarbeiter, die in dieser Hinsicht andere persönliche Meinungen haben. Wir haben die verschiedensten Ansichten unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Aber in der grundsätzlichen Ausrichtung auf die zentralen Werte sind wir uns einig. Wir sind überzeugt davon, dass die Jugendlichen das wissen und spüren. Wir glauben, dass das die Einstellung der Teilnehmer dauerhaft prägen, vielleicht sogar ändern kann.

Wir sind stolz auf unser Team. Das sagen wir hier ganz bewusst. Das Team besteht aus Männern und Frauen, jungen (ab 17 Jahre) und älteren (bis 52 Jahre), evangelischen bis konfessionslosen, Studenten, Arbeitern und Akademikern. Die Berufe unserer Mitarbeiter stellen sicher, dass auch in der Freizeit professionelle Arbeit geleistet wird. Wir haben mehrere Erzieherinnen dabei, Handwerker, Polizist, Soldat, Pfarrer, Hausfrauen, Angestellte, Selbständige und und und. Jeder und jede ist in ihrem Beruf eine Fachfrau, ein Fachmann und bringt diese Fähigkeiten in die Freizeit ein.

Unsere Erzieherinnen z. B. haben die Abenteuer- und Erlebnisspiele vorbereitet und durchgeführt. Die Jugendlichen können dabei die Erfahrung machen, dass gemeinsames Planen und Handeln zum Erfolg führt. Sie können erleben, dass es wichtig ist, dass die Stärkeren die Schwächeren stützen und fördern. Unsere gesamte Freizeitmaßnahme hat eine abenteuerpädagogische Komponente. Die Teilnehmer werden in vielen verschiedenen Bereichen an ihre Grenzen – körperlich und psychisch – geführt, aber auch gehalten, wenn sie nicht weiterkommen. Wir glauben, dass so mancher Jugendliche in unseren Freizeiten Erfahrungen gemacht hat, die sein / ihr ganzes weiteres Leben prägen können.

Es gibt viele Teilnehmer, die zum ersten Mal von zu Hause weg sind und eigenständig leben müssen. Viele Teilnehmerinnen erleben zum ersten Mal, dass sie Dinge schaffen, die sie vorher nicht bewältigen konnten. Viele Jugendliche erleben zum ersten Mal, dass sie Fähigkeiten haben, die sie sich selbst – und manchmal auch ihre Eltern – nie zugetraut hätten: Verantwortung übernehmen, sich um Schwächere, Kleinere kümmern, Toiletten putzen (ja, auch solch banale Dinge), in der Küche helfen, jeden Tag das Geschirr selbst putzen, den Campingplatz aufräumen, körperlich an die Grenzen gehen, anderen vertrauen ….

Zentraler Bestandteil unserer Freizeiten sind verschiedene Sportarten, die auch körperlich stark fordern. Kanu fahren ist die wichtigste Sportart. Dabei erfahren die Jugendlichen, dass sie sich zutrauen und den Mut finden einen Gebirgsfluss mit Stromschnellen zu befahren, dass sie einen Partner / Partnerin brauchen, mit dem sie die Aufgabe bewältigen können, dass sie Ausdauer brauchen um ans Ziel zu kommen.

Die zweite wichtige Sportart ist Fahrrad fahren. Wir fahren Strecken, die auch körperlich nicht so fitte Jugendliche bewältigen können und auch Strecken, die sehr anspruchsvoll sind. Diese Erfahrungen bringen die Jugendlichen sehr stark an ihre körperlichen Grenzen. Das Glück, eine solche Tour geschafft zu haben, ist aber schier unbeschreiblich. Außerdem ist hierbei besonders deutlich zu sehen, wenn Jugendliche bereit sind für andere, schwächere Teilnehmer Verantwortung zu übernehmen. Z. B. einen Pulk anzuführen und dabei darauf zu achten, dass auch der Langsamste nicht den Anschluss verliert.

Eine dritte, sehr wichtige Sportart ist bei uns inzwischen das Klettern geworden. Wir haben Mitarbeiter, die mit eigener professioneller Ausrüstung und Ausbildung dies gewährleisten können. Dabei ist ein besonderer Punkt, dass die Jugendlichen vor allem ihre Angst überwinden müssen. Selbstvertrauen und Mut werden gestärkt. Das ist nicht zu unterschätzen. Außerdem wird das Verantwortungsbewusstsein geschult, wenn man sich gegenseitig – natürlich unter fachkundiger Anleitung – sichern muss.
Neben diesen Sportarten gehört zu unserem festen Programm: Wandern, Abenteuer- und Erlebnisspiele, Ausflüge, AGs (z. B. Batiken, Singen, Bodypainting …), thematische Einheiten und und und.

Es gibt immer wieder Fragen an uns: Müssen es so viele Mitarbeiter sein? Muss die Freizeit so teuer sein? Muss, trotz des Preises, immer wieder die Finanzierung ein Problem sein? Muss es sein, dass ein Pfarrer zusätzlich zwei Wochen aus der Gemeinde fern bleibt um mit Jugendlichen zu arbeiten? Muss das alles sein?
Für uns gibt es auf all diese Fragen nur eine Antwort: Ja! Es muss sein! Um unserer Jugend willen. Wir sind zutiefst von unserem Konzept überzeugt und möchten mit diesen Grundsätzen darum werben, dass auch andere sich von unserer Begeisterung anstecken lassen. Unsere Jugend braucht eine Chance. Die Jugend von heute ist nicht schlecht. Im Gegenteil, es sind alles wertvolle Menschen, denen wir Erwachsene helfen sollten ihren eigenen Weg zu finden, in Kirche und Gesellschaft, in Familie und Freundeskreis.
Deshalb werden wir auch weiterhin solche Freizeiten anbieten und uns mit all unserer Kraft für die Jugend einsetzen!

Lechajim – für das Leben!
Mit herzlichen Grüßen und bleiben Sie behütet!
Uwe Hermann, Pfr.