Die Frage der Gottesferne

Mein Kollege Dirk Kroker hat in seinem Kommentar zum Artikel „Der ultimative Weg zum Glück – Jahreslosung 2014“, in dem es mir um die Nähe Gottes ging, die Frage der Gottesferne und deren Ursache gestellt.

Vielen Dank, lieber Kollege, für den Stoff zum Nachdenken. Dies ist sicher nicht gerade ein einfaches Thema und auch eine Frage, der wir uns nicht so gerne stellen. Trotzdem möchte ich euch an meinen Überlegungen teilhaben lassen, auch wenn ich hier sicher nicht endgültige Antworten geben kann. Es freut mich, wenn ihr in den Kommentaren darüber diskutiert!

Die mich kennen, wissen, dass ich immer gerne sage: Lasst uns mal genau hinschauen. Das war nun auch bei diesem Thema mein erster Schritt.

  • Gottesferne: Entfernt sich Gott von mir oder entferne ich mich von Gott? Gibt es überhaupt eine Situation im Leben, in der es vorstellbar ist, dass Gott mir nicht nahe ist?
  • Hat Gottesferne etwas mit dem Begriff „Sünde“ zu tun?
  • Gibt es Hinweise aus der Bibel?
  • Gibt es einen Unterschied zwischen Gottesferne und Gottes Verborgenheit?
  • Ich erinnere mich aus dem Studium daran, dass Martin Luther sich mit den lateinischen Begriffen „deus absconditus“ (der verborgene Gott) und „deus revelatus in christo“ (der in Christus offenbarte Gott) beschäftigt hat. Hilft uns das in dieser Frage weiter?

1. Gottesferne

Dirk Kroker schreibt in seinem Kommentar: „Dass Gott uns durch die Geburt Jesu Christi so nahe gekommen ist, dass es gar nicht näher sein kann, ist unbestritten.“ Okay, darin sind wir beide uns einig. Aber ob das so unbestritten ist…? Wir sind uns wohl auch einig darin, dass es zumindest im Leben eines Menschen – auch eines Christen – vorkommen kann, dass die Nähe Gottes nicht spürbar ist. Das hängt zusammen mit Erfahrungen von Leid, Krankheit und Not. Dann scheint es zumindest so, als hätte Gott sich von uns entfernt.

Wenn jemand davon spricht, dass er sich von Gott entfernt, dann kommt mir (dank meiner frommen Erziehung) gleich das Stichwort „Sünde“ in den Kopf.

2. Gottesferne gleich Sünde?

Ist also Gottesferne gleich Sünde?

Ja, ich denke schon, wenn auch anders, als das Gemeindemitglied von Pfarrer Kroker es wohl meint. Es geht hier nicht um moralische Verfehlungen – Diebstahl, Betrug, Mord, böse Gedanken… – Sünde ist vielmehr die Trennung von Gott, also Gottesferne! Von sich aus ist jeder Mensch fern von Gott. In diesem Sinne würde ich vielleicht das alte Wort von der „Erbsünde“ benutzen.

Aber diese Art der Gottesferne gibt es seit dem Kreuz Jesu nicht mehr. Jesus hat diese Trennung zwischen Gott und uns Menschen aufgehoben. Das gilt ohne jede Voraussetzung von unserer Seite aus! Gott hat sich in Jesus Christus offenbart, bekannt gemacht, sich in unsere Nähe begeben. Auch wenn wir immer wieder etwas falsch machen („sündigen“). Das kann uns nicht mehr von Gott trennen.

Deshalb sage ich: Gottesferne gibt es nicht!

3. Gottesferne in der Bibel

In der Bibel gibt es verschiedene Ausdrucksweisen oder „Bilder“ für das, was wir wohl mit Gottesferne bezeichnen:

  • Gott „verbirgt sein Gesicht“.
  • Gott reagiert nicht auf das Elend der Seinen.
  • Es gibt die Bitte, Gott möge nicht „taub sein“ und „schweigen.
  • Es gibt das Bild vom Schlafen Gottes.
  • Gott selbst „verbirgt“ sich.
  • Manche Bibelverse sprechen auch davon, dass Gott „fern“ ist oder die Menschen „verlassen“, „vergessen“, „verworfen“ hat.

Mehr dazu (mit den entsprechenden Bibelstellen): http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/12312/

4. Gottesverborgenheit

Ich persönlich kann deshalb mit dem Begriff Gottesferne nicht so viel anfangen. Ich möchte mich deshalb lieber mit der Rede von der Verborgenheit Gottes beschäftigen.

Das bedeutet nämlich, dass Gott mir immer nahe ist, auch wenn ich das nicht spüre. Hier geht es dann nicht um Sünde und Schuld, sondern um das Leiden – mein Leiden, das Leiden der Menschen, das Leid in der Welt.

In Krankheit, Leid und Tod kann Gott also durchaus verborgen sein und das ist eine furchtbar schmerzliche Erfahrung für uns Menschen – ganz besonders für gläubige Menschen. Wir verstehen das nicht.

Wir werden das auch nicht verstehen, aber wir können auf Jesus blicken und sehen dann Gott, der auch im tiefsten Leid da ist. Ja, Jesus hat selbst sein Kreuz so empfunden: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ An Ostern wurde dann aber deutlich, dass das nicht der Fall ist!

Auch wenn ich es nicht spüre – Gott ist mir immer nah!

5. Deus absconditus und Deus revelatus

Ist die Verborgenheit Gottes einfach im Glauben zu akzeptieren? Ich denke ja, so schwer es auch fällt. Wenn Gott wirklich Gott ist, dann wird er mir niemals vollständig zugänglich und verständlich sein. Das wird immer so bleiben.

Deus absconditus (Latein: der verborgene Gott) bezeichnet die christliche Vorstellung von der prinzipiellen Unerkennbarkeit Gottes. Die Bezeichnung stammt aus der Bibel, genauer aus dem Buch Jesaja: „Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der Heiland.“ Jesaja 45, 15 LUT Gegenbegriff zu deus absconditus in der lutherischen Theologie ist deus revelatus (offenbarter Gott). Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Deus_absconditus

Es gibt aber auch eine andere Seite der Medaille: Gott offenbart sich selbst. Er macht sich selbst uns Menschen bekannt. Da er aber für uns immer ein verborgener Gott bleiben wird, zeigt er sich uns als Mensch. Jesus ist der Mensch, in dem wir Gott erkennen können. Nicht vollständig und vollkommen, aber als Gott, der uns immer nahe ist – auch wenn wir es gerade nicht spüren.

In Jesaja 45, 15 heißt es: „Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der Heiland.“ In diesem kurzen Satz liegen beide Seiten der Medaille direkt nebeneinander. Gott ist verborgen und doch der Heiland (also ganz nah).

Zusammenfassung

Gott ist uns niemals fern. In seinem Sohn Jesus Christus zeigt Gott uns seine Nähe – auch im schlimmsten Leid. Allerdings erscheint uns Gott manchmal verborgen. Wir Menschen werden ihn nie ganz erfassen können. Deshalb bleibt manches unverständlich.

[tweetthis url=“http://www.lechajim.com/glaube-und-leben/die-frage-der-gottesferne/„]Jesus zeigt uns Gott als Vater, der seine Kinder niemals – und das auch in Ewigkeit – verlässt.[/tweetthis]

„Gott nahe zu sein ist mein Glück!“

Lechajim – für das Leben!
Mit herzlichen Grüßen und bleibt von Gott behütet!
Uwe

PS: Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann bleib doch dabei und lies regelmäßig meine Beiträge. Ich freue mich, wenn du meinen Newsletter abonnierst: