Wochenspruch Pfingsten

Der Wochenspruch für Pfingsten steht in Sacharja 4, 6: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.”

 

„Kann leine!“

Unsere Tochter hat als kleines Kind gerne gesagt: „Kann leine!“ Immer wenn sie keine Hilfe haben wollte und der Meinung war: „Ich kann das doch schon alleine!“ Toll, als Eltern freut man sich ja darüber, wenn ein Kind schon so viel und immer mehr alleine schafft.

Später ist man dann vielleicht nicht mehr so glücklich darüber, da würde man gerne noch helfen und mittun. Auch in unserer Erwachsenenwelt – im persönlichen Alltag, im Beruf, auch in Gesellschaft und Politik – sieht das etwas anders aus.

Wir leben in einer Welt, in der alles machbar erscheint. Wir können alles – so scheint es – und vieles wollen wir auch alleine schaffen. In der Politik und der Wirtschaft werden Machbarkeitsstudien erstellt. Obenauf ist im Beruf nur der, der sich durchsetzen kann und am besten noch mehr „wegschafft“ als er eigentlich müsste. Auch im persönlichen Leben geben wir nicht gerne zu, dass wir Hilfe brauchen und etwas nicht alleine hinbekommen.

 

Geschichten voller Hoffnung

Vielleicht begeistern uns deshalb auch Geschichten so sehr, in denen davon erzählt wird, dass Menschen „es geschafft haben“. Geschichten von Erfolgreichen und Mächtigen, Geschichten von Menschen, die Krankheiten überwinden, mit Behinderungen erfolgreich werden.

Geschichten wie die von Amy Purdy, von der ich in einem früheren Artikel geschrieben habe, oder wie die von der Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz Malu Dreyer, die es trotz ihrer Erkrankung an die Spitze eines Bundeslandes geschafft hat.

Das sind Geschichten, die uns Hoffnung geben, Mut machen. Es sind tolle Geschichten und ich mag sie auch sehr gerne. Sie sollen gerade deshalb auch erzählt werden.

 

Die Kehrseite der Medaille

Es gibt aber auch eine Kehrseite. Was ist mit Menschen, die es nicht schaffen? Was ist, wenn jemand so krank ist, dass er nie wieder sagen wird: „Kann leine!“

Wie sieht es in uns aus, wenn wir krank sind, niedergeschlagen, so unendlich müde und ausgebrannt, zu Tode betrübt? Dann ist der Machbarkeitswahn unserer Welt der denkbar schlechteste Ratgeber und ganz und gar keine Hilfe. Wie kann ich dann noch mein Leben annehmen? Wie erfahre ich die grenzenlose Wertschätzung, die Gott auch dann noch für mich hat?

 

Die Unterscheidungen Gottes

Liebe Leserinnen und Leser, ich bin so froh, dass es bei Gott eine klare Unterscheidung gibt! Es gibt eine klare Unterscheidung zwischen dem, was wir machen und schaffen können und dem, was Gott uns frei und aus Liebe schenkt! Es gibt eine Unterscheidung zwischen „Kann leine!“ und Leben aus dem Vertrauen in Gottes Geist.

Wolfgang Huber sagt in einer Predigt zum Wochenspruch zu Pfingsten (die Predigt ist zwar schon etwas älter, aber ich empfehle trotzdem, sie zu lesen. Es lohnt sich.):

Eine befremdliche Klarheit geht von diesem Wort aus. Nicht pfingstliche Gefühligkeit breitet sich aus, sondern der Geist deutlicher Unterscheidungen bricht sich Bahn. Statt Heer und Kraft: Gottes Geist. Statt der Durchsetzung eigener Herrschaftsansprüche: Vertrauen auf Gottes Geist. Statt der eigenen Machtgelüste: die Macht des göttlichen Geistes. So heißt die Alternative.

Mit dieser Unterscheidung wertet Gott all das Gute und Schöne, das Menschen schaffen können, nicht ab! Nein, ich glaube er freut sich daran! Aber er macht klar, dass es andere Prioritäten für ihn gibt. Deshalb ist das nicht das Wichtigste in unserem Leben. Das Wichtigste ist Gottvertrauen und den Geist Gottes „machen lassen“.

 

Wochenspruch Pfingsten: Was wichtig ist!

Der Wochenspruch zu Pfingsten erinnert uns daran, was wirklich wichtig ist.

„Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.”

Das Entscheidende an der Pfingstgeschichte (Apostelgeschichte 2) ist der Geist Gottes, der Heilige Geist. Er inspiriert die Jünger Jesu, die sich bis dahin traurig und verängstigt versteckt hielten. Nun gehen sie begeistert und voll Gottvertrauen hinaus und überwinden Grenzen zwischen den Menschen (Sprachgrenzen, Grenzen der Volkszugehörigkeit, der Hautfarbe, der sozialen Herkunft). Es war nicht ihr Werk, sondern das Wirken des Heiligen Geistes.

Keine Machbarkeitsstudie hätte vorhergesehen, dass sich an diesem Tag 3000 Menschen taufen ließen und damit die erste christliche Gemeinde der Welt in Jerusalem gegründet wurde. Der Anfang der ganzen Kirchengeschichte. Was für ein Glück: Nicht Menschenwerk, sondern Gottes Handeln durch seinen Geist – bis heute!

 

Begeistert…

Ich habe diese beiden Worte – begeistert und Gottvertrauen – bewusst gewählt! Zum einen weist schon das Wort begeistert auf den Geist hin, und dass Gottvertrauen das Ziel des Wochenspruchs zu Pfingsten ist, habe ich ja schon betont.

Nun muss man hier aber auch wieder unterscheiden! Viele Christen wünschen sich von ihren Gemeinden, dass sie begeisterter sein sollen – begeistert Gottesdienst feiern, begeistert singen, begeistert für andere da sein … Ich gebe zu, es geht mir manchmal auch so. Wo das geschieht, da ist es gut! Man muss auch im Glauben ab und zu mal ein bisschen „verrückt“ sein (so wie Nina Hagen vielleicht? Siehe den Artikel von gestern). Aber bleiben wir uns bewusst: Es geschieht immer nur dann, wenn Gottes Geist am Wirken ist. Kein einzelner Christenmensch, kein Kirchenvorstand und kein Pfarrer kann das „machen“. Es ist immer Gottes Werk.

Auch begeisterte Christen und Gemeinden bauen auf Gottvertrauen! Ohne das Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes kann sonst die Begeisterung schnell übergestülpt werden. Ich habe es einmal in einer pfingstlerischen Gemeinde erlebt. Ich habe es fast als bedrohlich empfunden und das Schlimmste war, dass man sich ausgeschlossen fühlte, wenn man die Begeisterung nicht teilte!

 

… und voll Gottvertrauen

Auch wenn unsere Lebensumstände mal nicht so begeisternd sind, können wir unser Leben doch auf Gottvertrauen bauen. Gottvertrauen durch den Heiligen Geist kann begeisternd wirken, aber auch ganz still und leise sein. Und mal ehrlich, brauchen wir das nicht alle hin und wieder?

Ganz besonders aber in Zeiten der Krankheit, Niedergeschlagenheit, Müdigkeit und Trauer. Ich spüre das seit einem Jahr immer wieder ganz deutlich. Es kommt nicht darauf an, immer stark zu sein. Nicht meine Kraft ist entscheidend! Lass Gott einfach mal machen, er wird’s schon recht machen.

„Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.”

Wir brauchen auch die Möglichkeit zur Stille, zum Ruhen, auch mal schwach sein, auch mal auf Hilfe angewiesen sein. Um es mit Worten von Jens Burgschweiger zu sagen:

Lasst Gottes Geist wirken! Sicher, der braucht seine Zeit. Aber gerade das kann ja auch wieder eine Stärke sein. Zeit haben. Sich Zeit nehmen. Ja, ich glaube, das ist so: Wo man dem Geist Gottes Raum gibt, da fängt das Atem-Holen, das Zeit haben an.

 

Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Euch allen und auch mir selbst, dass wir in unserem Glaubensleben immer wieder mal begeistert und ein wenig verrückt sein können! Mögen wir so oft wie möglich sagen können: „Kann leine!“ Ich wünsche uns aber vor allen Dingen, dass wir unser ganzes Leben aus der Hand Gottes nehmen und darauf vertrauen, dass er immer – in Freud und Leid, wie wir Pfarrer so gerne sagen – durch seinen Geist in unserem Leben und unserer Welt am Wirken ist.

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe