Wochenspruch 3. Advent: Jesaja 40, 3. 10

Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig.

Ich habe diesen Wochenspruch 3. Advent immer sehr geliebt. Wie groß ist unser Gott, gewaltig, stark, mächtig. Das fand ich großartig. Er bahnt einen Weg durch die Wüste. Er bahnt einen Weg durch das Leben, durch alle Widerstände und Schwierigkeiten hindurch. Das hat mir gefallen.

Ich habe bei diesem Vers immer an die Werbung der Raiffeisenbanken gedacht – erinnerst du dich noch daran?

Wir machen den Weg frei. Gott macht den Weg frei zu einem guten, erfüllten Leben. Das habe ich immer geglaubt.

Früher!

Heute bin ich nicht mehr so vollmundig. Es gibt so vieles im Leben, das auch den Zweifel nähren kann. So manches Mal kann man sich fragen, wo denn dieser Gott gerade ist. Bei mir war es die Trennung nach 30jähriger Partnerschaft, die mein ganzes Leben, aber eben auch meinen Glauben erschüttert hat. Bei dir ist es vielleicht eine Krankheit, der Tod eines geliebten Menschen, finanzielle Schwierigkeiten, Streit in der Familie oder anderes. Es gibt so vieles im Leben, das auch den Glauben erschüttern kann.

Darf ich als Pfarrer sowas überhaupt schreiben? Darf ein Christ sowas denken? Sollten wir nicht vielmehr voller Glaubenskraft und total überzeugt von Gottes Allmacht sein?

Warum eigentlich? Sogar in der Bibel gibt es den Zweifel und die Fragen.

  • Da ist ein Mose, der sich nicht stark genug fühlt, um Gottes Auftrag erfüllen zu können.
  • Da ist ein „ungläubiger Thomas“, der von Jesus nicht etwa zurechtgewiesen, sondern in seinem Zweifel ernst genommen wird.
  • Da ist ein Petrus, den die Zuversicht verlässt und der von Jesus aufgefangen wird.
  • Da sagt Jesus selbst, dass unser Glaube nur so klein wie ein Senfkorn zu sein braucht und doch Berge versetzen könne.
  • Da redet Jesus darüber, dass wir sein sollen wie die Kinder.

Wer hat eigentlich den Irrglauben in die Welt gesetzt, unser Glaube müsste immer stark und unerschütterlich sein.

Ist es nicht genau umgekehrt?

In der Adventszeit warten wir darauf, dass Gott ankommt. Aber kommt er denn gewaltig? Nein, wir wissen, er kommt als kleines Kind armer Leute in einem ärmlichen Stall zur Welt. Klein und unscheinbar. Da ist gar nichts Gewaltiges dran. Da ist keine Macht und Herrlichkeit.

Aber…

  • da ist Menschlichkeit,
  • da ist Liebe,
  • da ist Freude,
  • da ist Hoffnung,
  • da ist Sehnsucht.

Kann uns das den Weg zeigen, den Gott – vielleicht ganz unscheinbar und zaghaft und vorsichtig – mit uns gehen will? In dem Wochenspruch 3. Advent heißt es auch, dass ich Gott den Weg bereiten soll. Ja, wer bin ich denn? Ist das überhaupt möglich?

Bereite ich Gott den Weg vielleicht einfach, indem ich meinen Weg gehe?

Könnte es einfach darum gehen, nach dem Vorbild Jesu, menschlich, als Mensch zu leben?

Ist es vielleicht mein Weg in Liebe zu anderen Menschen, zum Partner, zu Eltern und Kindern, zu Freunden und Kollegen, zu Flüchtlingen und Menschen, die Zuwendung und Hilfe brauchen?

Ist es vielleicht die Hoffnung, auch Scherben aus dem Weg räumen und weitergehen zu können?

Auch wenn ich wie ein Ochs vorm Berg stehe und nicht mehr ein noch aus weiß, bleibt nicht doch die Sehnsucht, dass es einen Weg gibt?

Wer weiß, vielleicht kann ich ja in aller Vorsicht glauben, dass diese Menschlichkeit, Liebe, Hoffnung und Sehnsucht von Gott kommt. Dass er sie in mir am Leben hält. Vielleicht ja auch durch andere Menschen, die einen Weg zu mir finden, meinen Weg mit mir gehen, mich halten und aushalten und mir den Weg bahnen.

Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig.

Das heißt für mich: Einfach weitergehen. Ich geh meinen Weg. Räum die Scherben weg und geh weiter. Es wird Kraft geben, auch über den Berg zu steigen. Es gibt Hoffnung, dass der Weg weiterführt. Es gibt die Sehnsucht, dass dieser Weg sogar ein Ziel hat.

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe