Wochenspruch 1. Sonntag nach Trinitats

Lukas 10,16:
Christus spricht zu seinen Jüngern: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.

Sendung

Ich war etwa 17 Jahre alt, als mich ein Schulfreund zum Geburtstag einlud. Sein Vater war Pfarrer und fragte die Freunde seines Sohnes reihum, was sie einmal werden möchten. Als ich an der Reihe war, sagte ich, dass ich mir noch nicht sicher sei. Da zeigte er mit ausgestrecktem Arm auf mich und erklärte: „Junger Mann, so Leute wie dich brauchen wir in der Kirche, du solltest Pfarrer werden!“ So etwas nennt man wohl ein „Berufungserlebnis“. Ich bin ja schließlich tatsächlich Pfarrer geworden.
Im Wochenspruch zum ersten Sonntag nach Trinitatis redet Jesus mit seinen Jüngern, also mit den Menschen, die er berufen hatte, um seine Botschaft weiter zu erzählen. Dieser Sonntag steht deshalb im Kirchenjahr unter dem Thema „Tag der Apostel und Propheten“. Darum soll es also in den Lesungen und Predigten und Gottesdiensten an diesem Wochenende gehen.
Sind aber nicht alle Christinnen und Christen von Jesus berufen und ausgesandt, das Evangelium, die Gute Botschaft von Gottes Liebe weiter zu geben? Sind nicht in diesem Sinne alle Christen Apostel und Propheten (und Pfarrer)? Gilt deshalb nicht auch der Wochenspruch nicht nur den biblischen Aposteln und Propheten, sondern auch den Pfarrerinnen und Pfarrern und auch jedem einzelnen Christen?
Was ist ein Apostel? Das griechische Wort im Neuen Testament bedeutet so viel wie Ausgesandter oder Bote. Vergleichbar vielleicht mit den Engeln, die ja auch Boten Gottes sind.
Was ist ein Prophet? Häufig meinen wir, dass Propheten die Zukunft vorhersagen könnten. Das ist aber gar nicht die eigentliche biblische Bedeutung. Vielmehr sind Propheten Menschen, die Gottes Wort heute und jetzt so sagen können, dass in der aktuellen Situation klar wird, was Gott von den Menschen möchte.
Zu dem Wochenspruch aus Lukas 10,16 möchte ich noch den Missionsbefehl vom Ende des Matthäus-Evangeliums lesen.

Der Missionsbefehl

Matthäus 28,16-2016 Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte.17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.18 Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.


Für mich ist ganz klar: Jesus beruft alle Christen zu Aposteln und Propheten. Er ist von Gott zu uns gesandt und Jesus sendet uns aus. In diesem Sinne sind wir Stellvertreter Christi auf Erden! Das ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen!

Verantwortung

Das bedeutet aber auch eine große Verantwortung, die Jesus uns überträgt. Er sagt: Wer euch hört, der hört mich. Wow, das ist schon eine gewaltige Aussage!
Stellt euch mal vor, ich stelle mich auf die Kanzel und sage das: „Liebe Gemeinde, wenn ihr mir jetzt zuhört, dann hört ihr Jesu Worte!“ Ich vermute, das würde einen ganz schönen Aufruhr verursachen. Wie können wir denn damit umgehen? Jesus hat es doch nun mal gesagt! Jesus gibt damit seine Botschaft in unsere Hände. Der Bote (also wir, du und ich) wird mit der Botschaft verbunden. Es ist nicht mehr zu trennen.
Ich hab mal nachgelesen, was die Kommunikationswissenschaft über das Stichwort „Bote“ sagt. Sie unterscheidet drei Stufen:
1. Der mündliche Bote: Der ursprüngliche, am körperlichsten greifbare, in der Gestalt als Botschafter noch heute „greifbare“ Bote hatte seine Botschaft mündlich zu überbringen. Er lernte die Nachricht auswendig, so dass er sie beim Empfänger rekapitulieren konnte.
2. Eine weitere Stufe bildete der Herold, der eine vom Herrscher verfasste Order vor den Untertanen oder Angehörigen fremder Mächte verlas und ihr damit Gültigkeit verschaffte.
3. Der Briefbote: Der Briefbote transportiert nur mehr den vom Absender auf ein Material geschriebenen Brief. Dieser Brief ist verschlossen, in einem Gefäß, gerollt oder in einem Umschlag und durch ein Siegel vor fremder Einsichtnahme gesichert.
Aus: wikipedia
Übertragen auf unsere Sendung als Boten des Evangeliums bleibt eigentlich nur die Nummer 1. Wenn wir im Sinne des Herolds (Nr. 2) handeln würden, dann bliebe uns ja nur, aus der Bibel vorzulesen, und als Briefbote (Nr. 3) brauchten wir nur Bibeln zu verteilen. Das ist aber sicher nicht im Sinne Jesu! Die Person des Boten ist nicht austauschbar. Sie ist eng mit der Botschaft verbunden. Jesus beauftragt uns mit unseren Worten, mit unseren Taten, mit unserem ganzen Leben die Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen zu bringen.
Das ist ein ungeheurer Anspruch, der auch durchaus eine Last sein kann! Wir können uns nicht einfach daraus zurückziehen. Jesus erhebt mit diesem Wochenspruch Anspruch auf unser ganzes Leben.

Versprechen

Aber damit verbindet er auch ein großartiges Versprechen! Jesus vertraut uns seine Botschaft voll und ganz an. Damit zeigt er auch seine Wertschätzung uns Menschen gegenüber. Wir sind es Wert, dass er uns vertraut und dass er in unseren Worten, in unseren Taten selbst wirksam wird. Jesus gibt sich selbst und seine Botschaft in unsere Hände. Das ist Teil seiner Menschwerdung.
Wie einfach wäre es, wenn er selbst in „Macht und Herrlichkeit“ seine Botschaft verkündigen würde. Aber das widerspräche allem, was er getan hat. Vor allem aber würde es uns Menschen entmündigen. Damit würden die Boten wertlos und überflüssig und auch die, denen die Botschaft gebracht werden soll, hätten keine andere Wahl mehr. Jesus nimmt uns ernst und lässt uns die Wahl.
Dadurch, dass Jesus uns seine Botschaft überlässt und uns damit aussendet, wird sein Wort lebendig. „Der Buchstabe tötet!“ (2. Korinther 3,6) Als Herolde und Briefboten wären wir kein lebendiges Zeugnis für die Liebe Gottes. Jesus will aber, dass es auch heute im Jahr 2014 ein lebendiges Wort des Evangeliums gibt! Deshalb sendet er uns in die Welt mit Worten und Taten.
„Wer euch hört, hört mich.“ Das gilt auch in unseren fehlerhaften, schlichten, hochtrabenden, stolzen und holprigen Worten! Das gehört dazu! Das ist Menschwerdung Gottes in „Vollendung“. So ist er auch heute noch mitten unter uns!

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe