Predigt Offenbarung 5, 1-5

Predigt Offenbarung 5, 1-5 von Pfr. Uwe Hermann

1. Sonntag im Advent

Predigtreihe 4

Predigttext Offenbarung 5, 1-5

Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen. Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.

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Predigt Offenbarung 5, 1-5

Ein Buch mit sieben Siegeln

Liebe Gemeinde!

„Ein Buch mit sieben Siegeln“ steht sprichwörtlich für: das verstehe ich nicht… Vielleicht geht es sogar noch etwas weiter. Es geht um etwas, dass völlig unverständlich ist. Etwas, das so quer zu allem gesundem Menschenverstand steht, dass man gar nicht damit klar kommt.
Oh ja, es gibt so manches, was für mich heute ein „Buch mit sieben Siegeln“ ist…

  • …dass so viele Menschen die AfD gewählt haben.
  • …warum so viele Menschen aus ihrer Heimat flüchten müssen
  • …und weshalb eines der reichsten Länder der Welt so ungnädig damit umgeht.
  • …es gibt tatsächlich nicht genug sauberes Wasser für alle Menschen!
  • …warum machen es Menschen anderen Menschen oft so schwer?
  • …dass Leben manchmal einfach so kompliziert sein muss.
  • …und noch so vieles mehr.

Das Leben selbst kann ein Buch mit sieben Siegeln sein und ja, auch Gott ist für mich oft genug ein Buch mit sieben Siegeln.

Ich verstehe auch die frommen Floskeln nicht: „Wir gehen nach Bethlehem mit Maria und Josef, in den Stall und zur Krippe, alle Jahre wieder, und finden das Kind, Jesus von Nazareth, geboren wie unsere Kinder, genauso klein, schwach, bedürftig.“ So habe ich es vor Kurzem in einer Predigt im Internet gelesen.

Äh? Bitte was? Was soll das? Solche Sätze sind für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Ich verstehe sie nicht, genauso, wie ich nicht verstehe, dass ich selbst früher immer wieder in Predigten solche Sätze gesagt habe.

Also, was jetzt? Was ist denn die Antwort auf die Frage, wer das Buch mit den sieben Siegeln öffnet. Wer erklärt mir die Welt? Wer beantwortet die Fragen nach einem guten und sinnerfüllten Leben?

Wer ist würdig?

In dem Predigttext kann das zunächst keiner. Vielleicht ist das gar nicht so weit hergeholt. Wir wissen doch alle, dass es keine einfachen Antworten auf all die Fragen gibt. Auch wenn noch so viele glauben, den Stein der Weisen gefunden zu haben. Meist kommt am Ende doch raus, dass alles anders ist oder schwieriger oder noch schlechter.

Was mich in dem Text aber stutzig macht, ist die Begründung dafür. Es hat keiner eine Antwort, weil keiner würdig ist, das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen.

Keiner ist würdig? Nur Jesus? Puh, das ist bitter. Da bleibt doch dann die Frage, wo denn Jesus ist. Nach zweitausend Adventszeiten, in denen Christen auf ihn warteten. Nach zweitausend Weihnachten, in denen sie „das Kind in der Krippe“ gefunden haben – angeblich. Entschuldigung, aber ich wage zu fragen, wo das denn sichtbar und spürbar wird – und zwar in meinem und deinem Leben und in unserer Welt.

Keiner ist würdig? Aber sagen wir nicht, dass die Würde des Menschen unantastbar ist? Ist denn nicht jeder Mensch würdig? Hat nicht Gott selbst den Menschen diese Würde gegeben?

Doch, ich glaube, Jesus selbst würde sagen: Du bist würdig! Jeder Mensch ist würdig!

Es gehört zu unserer Würde, diese Fragen zu stellen. Es gehört auch zu unserer Würde, die Antworten aus dem Buch mit den sieben Siegeln zumindest zu suchen. Wir sind würdig, es auch auszuprobieren, den richtigen Weg zu finden – im persönlichen Leben und für unsere Welt.

Noch einmal: Jeder Mensch ist würdig!

  • Du und ich!
  • Der Einheimische und der Flüchtling!
  • Der Ossi und der Wessi!
  • Der Arme und der Reiche!
  • Der Gesunde und der Kranke!
  • Ja, auch wenn es manche nicht wahrhaben wollen: Auch die Politiker!

Weine nicht!

Johannes sagt: Und ich weinte sehr! Er weint, weil keiner das Buch öffnen kann, und es somit auch keine Antworten auf diese Fragen gibt. Er weint für all die Fragenden und Trauernden und Leidenden seiner Zeit und aller Zeiten bis heute.

Er weint, weil angeblich niemand würdig ist. Weint er auch, weil die Würde des Menschen so oft mit Füßen getreten wird? Auch hier bei uns.

Gibt es denn wirklich keine Antworten auf all diese Fragen? Gibt es tatsächlich keinen Trost in all diesem Weinen?

Doch, es gibt Trost: Weine nicht!

Aber es gibt den Trost nicht so, wie wir es vielleicht gerne hätten. Es gibt keine fertigen Antworten. Und es gibt schon gar keine einfachen Antworten auf schwere Fragen. Es gibt die Antworten nur in den zum Teil fremdartigen Bildern, die der Seher Johannes sieht. Aber diese stecken voller Hinweise, woher der Trost kommen kann, wenn wir denn empfänglich dafür sind.

Weine nicht! Das sagt nicht der Engel, keine überirdische Gestalt, kein unsichtbares Wesen, kein ferner Gott.

Weine nicht! Das sagt ein Mensch!

Der Gedanke an Engel, die uns umgeben, mag schon für manche Menschen tröstlich sein, aber ein Mensch, der uns besucht, der uns tröstend in den Arm nimmt und sagt: Weine nicht! Ich stehe dir bei! Das kann schon eine kleine Antwort auf all die Fragen sein.

Advent – Zukunft und Hoffnung

Nenn es „Gutmenschentum“ oder „eine Floskel“ oder „nichts Besonderes“, aber das ist meine tiefste Überzeugung: Antworten oder zumindest die Möglichkeit, Antworten zu finden, und echten Trost, gibt es nur in der Beziehung zwischen Menschen. Wenn wir füreinander da sind, aufeinander achten, gemeinsam – auch mit denen, die uns fremd sind – auf dem Weg bleiben und nach Antworten suchen, dann wird Zukunft und Hoffnung möglich.

Advent heißt Ankunft. Darin steckt der Gedanke an Zukunft und Hoffnung. Darauf warten wir, dass Jesus bei uns Menschen ankommt, dass er unser Leben sinnvoll macht… Oh, Entschuldigung, jetzt ist mir doch wieder so eine fromme Floskel rausgerutscht.

Also noch mal ein neuer Versuch: Jesus hat uns doch diesen Auftrag geben. Er hat doch immer wieder Menschen an Menschen verwiesen. Immer wieder hat er gesagt: Achtet aufeinander, liebt einander, seid füreinander da. Das ist ein göttlicher Auftrag für uns.

Konkret und spürbar wird Gott für uns doch nur, wenn wir Menschen die „Stellvertretung Gottes auf Erden“ übernehmen.

Teresa von Avila hat gesagt:

Christus hat keinen Körper außer deinem. Keine Hände, keine Füße auf der Erde außer deinen. Es sind deine Augen, mit denen er sieht – er leidet mit dieser Welt. Es sind deine Füße, mit denen er geht, um Gutes zu tun. Es sind deine Hände, mit denen er die Welt segnet. Christus hat jetzt keinen Körper auf der Erde außer deinem.

Öffne die sieben Siegel

Nehmen wir diesen göttlichen Auftrag, den Jesus uns gegeben hat an. Er selbst hält uns für würdig, die Siegel zu brechen und Antworten zu suchen und Trost zugeben.

Ja, es gibt Zukunft und Hoffnung!

Diese Hoffnung drückt Johannes in seiner Offenbarung auf eine wundervolle Art aus. Allein diese Worte haben seit fast 2000 Jahren unzähligen Menschen Hoffnung gegeben. Sie haben auch die Kraft gegeben, Gottes Hände und Füße zu sein:

Gott wird bei den Menschen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!

Amen

 

Pfr. Uwe Hermann

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe