Bibeltext: Lukas 6, 36-42

Liebe Gemeinde!
Von Martin Luther haben wir gelernt, dass vor Gott keine großartigen Leistungen zählen, sondern nur der Glaube. Den Himmel kann sich keiner verdienen.
Das bedeutet auch, dass vor Gott jeder Mensch gleich wertvoll ist, egal wie viel er hat, egal ob arm oder reich, egal ob jung oder alt, egal ob arbeitslos oder mit einem tollen Job…
Bezogen auf dem Glauben bedeutet das: dass wir vor Gott bestehen können, ist ein Geschenk Gottes. Wir können selbst letztlich nichts dazutun. Das nennen wir Gnade.
So weit so gut. Das kann nun aber passieren – und ist in der Kirchengeschichte auch oft passiert -, dass dadurch die Taten eines Menschen, die Art und Weise wie erlebt, unwichtig wurden. Ergebnis: wir kommen alle, alle in den Himmel.
In diesem Text nun hört sich das was Jesus sagt ganz anders an. Der, der selbst barmherzig ist, der bekommt dann Gottes Barmherzigkeit. Das hört sich so an, als ob ich doch erst Vorleistungen bringen müsste, damit Gott mich lieb hat. Wie ist das zu verstehen?
Dietrich Bonhoeffer hat das Wort von der billigen Gnade geprägt. Billige Gnade ist, dass sich tun und lassen kann was ich will, Gott ist mir sowieso gnädig und toleriert alles was ich tue.
Das was Jesus sagt, ist dann die teure Gnade. Das heißt: das was Jesus von uns fordert ist die Folge der Gnade und des Glaubens.
Kein Mensch kann sich den Himmel verdienen, das gilt auch hier. Aber wenn ich an Gott glaube und wenn ich weiß, dass er mir seine Gnade schenkt, dann versuche ich sozusagen automatisch mich nach seinen Richtlinien zu richten.
So ist dieser Text der zweite Schritt nach dem ersten. Der erste ist die Gnade der zweite ist die Tat des Menschen.
Deshalb richtet Jesus hier auch unser Tun am Tun Gottes aus: wir sollen barmherzig sein, so wie Gott barmherzig ist. Anders formuliert: Gott ist mir barmherzig deshalb kann ich auch barmherzig sein.
Der Anspruch den Jesus stellt, ist sehr hoch. Deshalb hat man oft versucht seine Forderungen von sich selbst abzuwälzen. Dann sind die Pharisäer diejenigen mit dem Balken im Auge und die Christen sind die mit dem Splitter. Wenn man sich schon identifiziert, dann doch mit dem Blinden der geführt wird, und nicht mit dem der führt.
Aber genau das ist hier nicht gemeint: es geht um uns selbst, es geht um mich und um dich.
Aber was sollen wir denn nun tun? Jesus gibt keine genauen Handlungsanweisungen. Das mag einerseits bedauerlich sein, ist aber andererseits eine große Chance. Es gibt genug Menschen und Gruppen, die uns exakt vorschreiben wollen was wir zu tun und zu lassen hätten, damit Gott uns beachtet und liebt. Bei Jesus aber sind wir selbst gefragt.
In manchen Fragen werden wir uns wahrscheinlich sehr schnell einig werden: zum Beispiel wenn ich sage, dass Gott von uns will dass wir keinen Menschen umbringen.
Aber wie steht es mit den Dingen, die heute sozusagen als Kavaliersdelikt gelten: zum Beispiel Schwarzarbeit, kleine Mogeleien bei der Steuererklärung, zu schnelles Fahren mit dem Auto.
Gott ist bestimmt nicht kleinkariert, und es kommt nicht darauf an, dass wir uns gegenseitig hier vorführen. Dann wären wir wie die Pharisäer. Eine Art und Weise, wie Martin Niemöller, unser früherer Kirchenpräsident, damit umgegangen ist, habe ich schon öfters erzählt: er fragte sich immer, „Was würde Jesus dazu sagen?„
Liebe Gemeinde, lassen Sie uns das mitnehmen in den Alltag. Christsein endet nicht an der Kirchentür, Gottes Barmherzigkeit will auch unseren Alltag bestimmen. Vielleicht fangen wir heute einfach mal damit an. Versuchen Sie doch heute um und im Lauf der kommenden Woche immer wieder einmal sich selbst zu fragen: „Was würde Jesus dazu sagen?“
Amen.

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe