Predigt Römer 8, 18-25

Predigt Römer 8, 18-25 von Pfr. Uwe Hermann, gehalten am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres 2016

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres

Predigtreihe 2

Predigttext: Römer 8, 18-25

Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist der Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.

Predigttext bei die-bibel.de

Predigt Römer 8, 18-25

Liebe Gemeinde!

Was erzählt Paulus eigentlich hier? Leiden fällt nicht ins Gewicht? Das kann doch wohl nicht wahr sein, dass der sowas sagt. Wenn ein Mensch leidet, dann ist das selbstverständlich ernst zu nehmen. Darüber kann man doch nicht so einfach hinweggehen. Leiden fällt nicht ins Gewicht – das ist eine ziemlich schwer verdauliche Aussage.

Es gibt doch so viel Leid in der Welt. Heute am Volkstrauertag denken wir ja intensiver daran. Wie viel Leid haben Kriege und Gewaltherrschaft über die Menschen gebracht. Wie viele Mensch leiden gerade jetzt unter Krieg und Bürgerkrieg, unter Verfolgung und Vertreibung und Flucht.

Wir brauchen aber gar nicht so weit in die Welt zu schauen. Es gibt doch auch im persönlichen Leben so viel Leid. Die meisten von uns haben doch ihr eigenes Paket zu tragen.

Leiden fällt nicht ins Gewicht. Was mich etwas erstaunt ist, dass Paulus das so schreiben kann obwohl er doch selbst das am eigenen Leib erlebt hat. Er hatte offenbar eine chronische Erkrankung, von der wir nicht genau wissen, was es war. Aber er hat darunter gelitten. Durch seine Verkündigung des christlichen Glaubens und seine vielen Reisen hat er auch einiges erlebt und schwere Dinge erlitten. Ich glaube kaum, dass er das Leiden herunterspielen will. Ich denke eher, er kann diesen Satz sagen, weil er etwas dagegen zu setzen hat.

Und das ist das kleine, aber so bedeutsame Wort „Hoffnung“. Sechsmal ist in diesen wenigen Zeilen von der Hoffnung die Rede. Das scheint wohl der zentrale Begriff dieses Predigttextes zu sein.

Denken wir einmal etwas darüber nach. So einfach und klar scheint ja auch die Sache mit der Hoffnung nicht zu sein. Nietzsche sagt: „Die Hoffnung: sie ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.“ Er meinte damit wohl, dass Hoffnung dazu führt, dass man sich in sein Schicksal ergibt und nicht daran arbeitet, aus dem Leid heraus zu kommen. Wenn das die Folge von Hoffnung ist, dann hat er wohl Recht.

Bleibt denn dann nur Hoffnungslosigkeit – egal, was Paulus hier sagt?

Wenn ich an die Wahl von Donald Trump als nächsten Präsidenten in den USA denke, dann fällt mir auf, dass zumindest in Deutschland in so vielen Reaktionen Hoffnungslosigkeit zu spüren ist. Was ist das Gegenteil von Hoffnung? Vielleicht Angst? Das scheint die Erwartung an diesen Präsidenten zu sein, die Angst, dass er Schlimme Dinge tun wird, weitere Kriege anzettelt, Menschen an den Rand der Gesellschaft drängt und andere furchtbare Dinge tun wird. Es bleibt immer wieder die angstvolle Frage: Wo wird das alles noch hinführen.

Andererseits ist Hoffnung aber doch auch eine unglaubliche Kraft.

Die Hoffnung auf Heilung setzt oft in dem Kranken Energien frei, die ihn durchhalten lassen, die Behandlung durch die Ärzte unterstützen oder doch zumindest das Leiden an der Krankheit besser aushalten lassen.

Die Hoffnung auf Frieden lässt Menschen immer wieder dafür arbeiten, Beziehungen herstellen, vermitteln, einfach nicht aufgeben.

Liebe Gemeinde, deshalb möchte ich mit Paulus an der Hoffnung festhalten, auch wenn das Geduld erfordert.

Dann habe den Text noch einmal gelesen und immer wieder. Und dann ist mir mittendrin noch ein kleines Wörtchen aufgefallen: sehnen. Paulus schreibt: „Wir sehnen uns nach der Kindschaft.“

Ist vielleicht das Wort Sehnsucht der heimliche Schlüsselbegriff dieses Predigttextes?

Schauen wir uns das Wort einmal genauer an. Sehnsucht: Sehnen ist eine Sucht. Ja, da ist was dran. Wir können es einfach nicht lassen. Sehnsucht hört niemals auf. Hoffnung kann man verlieren oder aufgeben. Man kann Hoffnungslos werden, aber selbst dann bleibt die Sehnsucht.

Sehnen beinhaltet auch das Leiden. Wer Sehnsucht hat, vermisst etwas schmerzlich. Aber Sehnsucht lässt uns nach vorne schauen – genau wie die Hoffnung. Könnte man nicht sagen, dass in diesem Wort das Leiden und die Hoffnung zusammenkommen? Das Leid ist noch da. Es gibt keine Täuschung darüber. Aber der Kopf ist erhoben und der Blick geht nach vorne. So können Sehnsucht und Hoffnung Kraft geben, weiterzugehen.

Hoffnung kann allerdings enttäuscht werden. Aber die Sehnsucht bleibt.

  • Sehnsucht nach Frieden.
  • Sehnsucht nach Gesundwerden.
  • Sehnsucht danach, nicht mehr einsam zu sein.
  • Sehnsucht nach gelingender Partnerschaft.
  • Sehnsucht nach Freundschaft.
  • Sehnsucht nach Hoffnung, wenn keine mehr da ist.
  • Sehnsucht nach Gott.

Kann man nicht auch sagen, dass Gott Sehnsucht nach uns Menschen hat? Dass er uns, die wir so oft nichts mit ihm zu tun haben wollen, schmerzlich vermisst? Immerhin hat er Jesus gesandt, als Zeichen seiner Liebe zu uns. Und der Weg Jesu bedeutete Leid. Liebe und Leid, das ist Sehnsucht. Gott sehnt sich nach uns und will uns nahekommen und er will unsere Sehnsucht stillen.

Warten wir darauf, dass Gott unsere Sehnsucht erfüllt, mit Geduld und sehnen uns weiter.

Amen.

 

Pfr. Uwe Hermann

Es gilt das gesprochene Wort. Predigt gehalten am 13.11.2016 in Liebenscheid und Neukirch.

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe