Predigt Römer 14, 10-13 von Pfr. Uwe Hermann, gehalten am 4. Sonntag nach Trinitatis 2016

4. Sonntag nach Trinitatis

Predigtreihe 2

Predigttext: Römer 14, 10-13

Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben (Jesaja 45,23): »So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.« So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben. Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.

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Predigt Römer 14, 10-13

Liebe Gemeinde!
Richten und verachten – oh ja, darüber könnte man ganze Bücher schreiben und predigen und reden und diskutieren. Wer richtet? Wer verachtet? Und wer wird gerichtet und verachtet?
Vor kurzem hat mir jemand gesagt, am 10. Juni, dem Beginn der Europameisterschaft, wären aus 80 Millionen Asylexperten plötzlich 80 Millionen Bundestrainer geworden. Na klar, jeder weiß es besser. Die Spieler, der Trainer…, alle werden kritisiert, teilweise unter der Gürtellinie.
Oder im Fernsehen: vor einiger Zeit deckte Jan Böhmermann böse Machenschaften bei RTLs Schwiegertochter gesucht auf. In dieser Art Sendung werden Menschen verächtlich gemacht, die sich offensichtlich nicht wehren können. Fremdschämen nennt man so etwas heute. Menschen werden verachtet, die uns unterlegen erscheinen.
Oder denken Sie an den neuen Lieblingsnachbarn Deutschlands Jerome Boateng, über den AFD-Mann Gauland öffentlich seine Vorurteile und Verachtung ausschüttete.

Sicher ist es richtig, wenn wir aufmerksam auf solche Dinge achten und uns als Christen nicht daran beteiligen. So gesehen fordert Paulus von uns in diesem Predigttext ziemlich viel Toleranz! Toleranz gegenüber Menschen, über die vielleicht auch wir gerne richten würden.
Ich könnte in dieser Predigt jetzt damit noch weitermachen, bis die Zeit um ist. Uns allen würden sicher noch eine Menge Beispiele einfallen, wo Menschen verurteilt werden, wo andere über sie tratschen und verächtlich reden. Es wären wohl auch alles Beispiele, über die man ernsthaft nachdenken kann. Aber mir ist beim Vorbereiten an dieser Stelle etwas aufgefallen:
Bisher habe ich noch gar nicht davon geredet, worüber ich selbst richte und was oder wen ich selbst verachte.
Liebe Gemeinde, darüber lohnt es sich wirklich nachzudenken. Das ist aber gar nicht so einfach. Das habe ich – ehrlich gesagt – in den letzten Tagen gemerkt.
Mir ist an dieser Stelle als erstes aufgefallen, dass ich sehr schnell die Menschen verurteile, die über die Fußballspieler richten. Dass ich die Menschen verachte, die bei RTL solche Schundfilme machen und dafür verantwortlich sind. Dass ich mein Urteil fälle über Menschen wie Herrn Gauland.
Okay, in der Sache mag das richtig sein, aber habe ich das Recht, den Menschen gleich mit zu verurteilen?
Es hat mal jemand gesagt: Gott verurteilt die Sünde, aber er liebt den Sünder. Eigentlich gilt doch wohl, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Das gilt doch auch für die Menschen, die etwas getan haben, worüber wir richten würden. Wenn Sie sich mal Gedanken darüber machen, um wen es dabei gehen kann, dann ist das ganz schön schwierig. Es gibt wohl für jeden von uns Menschen, bei denen es uns schwerfällt – oder gar unmöglich erscheint – ihre Würde nicht anzutasten.
Oha, das ist schon eine ziemliche Aufgabe, die Paulus uns hier stellt.

Und dann geht er sogar noch einen Schritt weiter: Im Predigttext sagt Paulus, dass jeder von uns für sich selbst Rechenschaft vor Gott geben muss.
Ich formuliere es noch etwas anders, dann wird es noch deutlicher und bedrängender: Ich muss für mich selbst vor Gott Rechenschaft abgeben.
So gesehen ist die Frage nicht mehr so abstrakt, wer über wen richtet und warum und so weiter. Die Frage ist dann, wen ich verurteilt oder verachtet habe.
Was fällt ihnen dabei ein, liebe Gemeinde?
Ganz ehrlich, mir sind ziemlich schnell ein paar Menschen eingefallen, denen ich in dieser Hinsicht in letzter Zeit Unrecht getan habe. Oh ha!

Diese Erkenntnis ist ja schon mal nicht schlecht. Aber es ist noch nicht alles. Es ist sozusagen gerade mal die halbe Miete, wenn wir uns an die eigene Nase fassen. Oder um es mit Jesu Worten zu sagen: Wenn ich den Balken in meinem eigenen Auge erkenne, statt den Splitter im Auge des anderen zu beachten.
Paulus mutet uns aber noch mehr zu. Er sagt:
Achtet darauf, dass ihr euren Mitmenschen keinen Anstoß oder Ärgernis bereitet.
Hier dreht er sozusagen die ganze Sache um. Man könnte es so ausdrücken: Hier geht es um die Dinge, die wir tun, über die andere uns richten und uns verachten könnten.
Geht das nicht etwas zu weit? Soll ich mein Verhalten auch noch so verändern, dass andere gar keinen Anlass mehr haben über mich zu lästern?
Also ich bin überzeugt davon, dass das sicherlich seine Grenzen hat. Es gibt auch schon mal Dinge, über die man sich einfach nicht mit jedem einig sein kann. Aber es ist immerhin ein guter Ansatz über das eigene Verhalten einmal nachzudenken.
Vielleicht gelingt es uns ja mit der Goldenen Regel. Wir kennen sie meist in der negativen Fassung: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“ Schöner finde ich aber die positive Version: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“

Dieser Text mutet uns eine ganze Menge zu. Da ist genug drin um die ganze Woche darüber nachzudenken. Aber auf eines möchte ich noch aufmerksam machen.
Paulus redet von dem Richterstuhl Gottes, vor dem wir uns rechtfertigen müssen. Normalerweise verstehen wir das immer als Drohung. Gott als Richter ist wohl ziemlich bedrohlich. Aber halt. Biblisch ist das nicht! Vergessen wir dabei nicht, dass Gott ein gnädiger Richter ist.

Seit 2000 Jahren, seit dem Evangelium von Jesus ist „Gnade“ das letzte Wort Gottes über uns Menschen!
Amen.

Pfr. Uwe Hermann

Es gilt das gesprochene Wort. Predigt gehalten am 18.06.2016 in Willmenrod.

Lechajim – für das Leben!
Liebe Grüße und bleib von Gott behütet!
Uwe